»Ich bin recht glücklich, Fürchtegott!«
»Na, also denn Abgang mit allseitiger Zufriedenheit!« rief Pfeffer, griff Jeremias unter den Arm und schleppte ihn mit in sein Zimmer hinüber, wo die beiden Männer noch wenigstens zwei Stunden zusammen saßen, mit einander rauchten und tranken und zuletzt so vergnügt wurden, daß Pfeffer wieder vor verhaltenem Lachen seinen bösen Husten bekam und hinten in den Alcoven ging und den Kopf in's Bett steckte, damit die Frauen nebenan nicht davon gestört würden.
24.
Am andern Morgen.
Lange hatten keine zwei, solcher Art zusammentreffende Ereignisse die Gemüther einer Stadt so gleichzeitig und in allen Schichten der Gesellschaft in Aufregung gesetzt, als die in den vorigen Capiteln beschriebenen.
Da war fast kein Haus in Haßburg, bis zu der niedrigsten Hütte hinab, das sich nicht für den einen oder den andern Theil der Tragödie interessirte, denn Graf Monford war nicht besser und genauer in den höheren, als Handor in den mittleren Kreisen bekannt; und selbst die Handarbeiter und Tagelöhner nahmen Partei in der Sache, denn sie alle kannten den sogenannten »alten Fritz«, den Maulwurfsfänger, der jetzt nicht auf einem einfachen Wildfrevel erwischt sein durfte, sondern jedenfalls bei der Flucht der jungen Gräfin mit geholfen haben mußte.
Es läßt sich denken, daß die abenteuerlichsten Entstellungen dabei zum Vorschein kamen, denn nichts ist so toll und unwahrscheinlich, das nicht doch bei solchen Gelegenheiten eine Menge von Gläubigen und Weiterträgern fände. Leider liegt es dabei nun einmal im Menschen – oder, wenn das zu allgemein ist, doch in dem größten Theil der civilisirten Welt –, daß sie am liebsten Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen hören und es mit viel größerer Vorliebe nacherzählen, als das Gegentheil. Selbst gute Menschen, die nie mit Absicht einem Andern ein Unrecht oder einen Schaden zufügen würden, verweilen mit weit gespannterem Interesse bei irgend einer Schreckenskunde, einem verübten Verbrechen oder einem Unfall, wie bei irgend einem freudigen Ereigniß, und betrifft die Sache nun gar bekannte, oder, noch mehr, befreundete Familien, so können es die verschiedenen Persönlichkeiten kaum erwarten, bis sie im Stande waren, der Sache die weiteste Verbreitung zu geben.
So verworren und unbestimmt alle solche »ersten Gerüchte« aber überhaupt sind, etwas Wahres ist doch gewöhnlich daran, und die Gesellschaft hat besonders eine kaum zu überschätzende Gabe im Combiniren, was ihr in diesem Fall aber noch außerdem sehr erleichtert wurde.
Wie der Gedanke schon an jenem Abend in der »Hölle« aufgetaucht und ausgesprochen worden, daß die Flucht des ersten Liebhabers am Theater mit dem Verschwinden der jungen Gräfin auf das Genaueste in Verbindung stehen könne, so verbreitete sich diese Erzählung des Geschehenen als unwiderlegbare Thatsache am nächsten Morgen durch die ganze Stadt, und die Gräfin Monford hätte jenes Abschiedsbillet ihrer Tochter nicht so sorgfältig zu verbrennen gebraucht; der Inhalt desselben konnte nicht genauer überall bekannt sein, und wenn es Feodor Strohwisch selber gelesen hätte.
Es gab des Neuen aber in der That auf einmal zu viel, um es gleich ordentlich zu sichten und zu verwerthen, und wahrlich, der Stoff, wenn nur ordentlich eingetheilt, würde für den ganzen Sommer und bis spät in den Herbst hinein gelangt haben, um die Gemüther in einer angenehmen Aufregung zu erhalten. So puffte Alles mit Einem Mal in die Höhe; es war ordentlich schade.
Und dabei sollten die Damen auch noch ihren Putz für den heut Abend stattfindenden Ball herrichten, wo jede darauf brannte, Besuche zu machen oder zu empfangen. Es war das schwierigste Stück Arbeit, das sie in ihrem ganzen Leben geleistet, und nur die Aussicht, auch dafür heut Abend wenigstens ihre Meinungen auszutauschen und noch eine Masse interessanter Einzelheiten zu erfahren, konnte sie einigermaßen dafür entschädigen.