»Aber gestern Abend war doch das Gegentheil der Fall.«
»Weil ich zu applaudiren an fing!« rief Strohwisch leidenschaftlich. »Tausendmal haben Sie ja den Beweis mit einem neuen Stück; sitzen sie nicht drin wie die Stöcke und rühren keine Hand, bis sie erst am nächsten Morgen gelesen haben, wie das Stück gefallen hat. Und applaudiren sie wirklich einmal und rufen heraus, und ich beweise ihnen am nächsten Morgen, daß sie sich blamirt haben, sehen Sie einmal zu, ob nachher bei der zweiten Ausführung noch zehn Menschen im Theater sind!«
»Sie mögen in mancher Hinsicht nicht Unrecht haben.«
»In mancher Hinsicht? Lieber Freund, ich habe in jeder Hinsicht Recht. Wer applaudirt denn im Theater? Beantworten Sie mir einmal die Eine Frage. Der erste Rang? Fällt ihm gar nicht ein, das schickt sich nicht für das vornehme Pack und strapazirt die Glacéhandschuhe auch zu sehr, denn man kann sich nicht alle acht Tage ein Paar neue kaufen. Das Parterre ist's, das den Ton angiebt, und der dritte Rang bildet das Echo und macht den Spectakel, und fängt jedesmal deshalb an heraus zu schreien, weil sie den Vorhang noch einmal wollen aufgehen sehen und dadurch etwas mehr für ihr Geld bekommen. Wer sitzt aber im Parterre? Der ehrliche Bürger, Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Bierbrauer, Metzger, Posamentirer, lauter Leute, die sich blos für eine Kleinigkeit amüsieren wollen und von denen Sie nicht verlangen können, daß sie auch gleich ein fertiges Urtheil mit hineinbringen. Diese Leute repräsentiren das Publikum, und der erste Rang, so sehr er auch die Nase darüber rümpfen würde, wenn man ihm vorhalten wollte, daß er sich gerade von diesen in seinem eigenen Urtheil bestimmen lasse, besteht doch aus nichts als aufgeputzten Gliederpuppen, die Entrée bezahlen, das Theater füllen und höchstens untereinander raisonniren.«
»Dann muß ich schon meine Chance nehmen, wie sie eben fällt,« sagte Rebe achselzuckend, denn Doctor Strohwisch fing an ihm unangenehm zu werden. »Wir wollen's abwarten. Sie haben mich gestern so freundlich aufgenommen, daß ich wohl hoffen darf, sie werden mir auch ein freundliches Andenken bewahren.«
»Andenken? Phantasie!« sagte Strohwisch. »Bilden Sie sich nur nicht ein, daß Krüger Sie fortläßt, er darf es gar nicht, oder er hätte mich auf dem Halse, und das riskirt er nicht. Nein, betrachten Sie Ihr Wieder-Engagement als vollkommen gesichert; und dann, lieber Rebe, haben Sie keine Sorge, ich mache die Geschichte, ich weiß Bescheid, und Sie sollen einmal sehen, in acht Tagen kräht kein Hahn mehr nach Handor und Sie spielen eine von seinen Rollen nach der andern ruhig weg.«
»Sie malen mir die Zukunft sehr verführerisch, Herr Doctor,« lächelte Rebe, »aber die Hauptsache würde ich doch wohl machen müssen, wenn es wirklich dazu käme. Wenn die Kritik dabei ein wenig nachsichtig mit mir verfahren wollte, so würde ich das dankbar anerkennen, denn ich kann wohl sagen, ich bin durch mein langes Zurückhalten in kaum mehr als Statistenrollen auch kaum mehr als ein Anfänger jetzt und muß wieder von Neuem beginnen.«
»Und was zahlen Sie für die Spalte Honorar?« sagte der Doctor, der mit einer liebenswürdigen Unbefangenheit, die nichts zu wünschen übrig ließ, auf den Hauptpunkt übersprang.
»Zahlen für die Spalte?« sagte Rede wirklich überrascht, denn nach seinen Ansichten von Ehrgefühl war es doch nicht denkbar, daß der »Doctor« damit sagen wollte, er wünsche seine Recensionen von ihm bezahlt zu haben. »Ich verstehe Sie nicht.«
»Sie sind wirklich kindlich,« lächelte Doctor Strohwisch; »Sie wissen doch, daß ich meine Recensionen stets honorirt bekomme.«