»Du bist von Sinnen, Hubert!« rief George, der Mitleid mit der Leidenschaft des Freundes fühlte. »Reite nach Hause und beruhige Dich erst, dann wollen wir Alles besprechen; jetzt und in diesem Zustand kannst Du mich nicht beleidigen.« Und damit lenkte er sein Pferd ab und wollte den Weg hinabreiten.

»Kann ich Dich nicht beleidigen, Kuppler?« schrie in diesem Augenblick der fast außer sich Gerathene, indem er sein schon überdies halb wild gewordenes Thier mit den Sporen in mächtigen Sprüngen nach vorn trieb, daß es in wenigen Sätzen George's Pferd eingeholt hatte. »So nimm das wenigstens zum Lohn!« Und ehe es George verhindern oder den Schlag pariren konnte, hieb er ihm mit der schweren Reitpeitsche mit voller Kraft am Kinn herunter über die Brust.

George zügelte im Nu sein Thier ein. Er war todtenbleich geworden; aber so bleich und starr sein Antlitz war, so ruhig hielt er sich im Sattel, und wie Hubert sein springendes Thier nur erst einmal wieder gebändigt, sagte George mit eisiger Kälte:

»Gott vergebe Dir Deinen Wahnsinn, ich kann es nicht, das fordert Blut!«

»Hab' ich Dich endlich warm gemacht?« lachte der junge Graf höhnisch, und seinem Pferd die Zügel lassend, flog er mit ihm in Carrière die Allee entlang.

25.
Wie das Glück wechselt.

In ihrem freundlichen Boudoir saß Helene, scheinbar mit einer kleinen Arbeit beschäftigt; aber ihre Gedanken waren weit von da, und nicht einmal der Kinder achtete sie mehr, die neben ihr auf dem Teppich spielten und aus einem mächtigen Baukasten Schlösser aufzurichten suchten, um sie nachher von Günther's Bleisoldaten stürmen und der Erde gleichmachen zu lassen. Und wie sie dann jubelten und lachten, wenn der stattliche Bau, den sie schon wenigstens noch einmal so hoch als Mamas Fußbank aufgerichtet, polternd in sich zusammenstürzte und Helenchen dann mit den kleinen Patschchen, vor Freude aufkreischend, dazwischen herumstrich, damit auch nicht ein Stein auf dem andern blieb!

Man sagt: Kinder zerstören gern; aber es ist nicht wahr. Nur neubilden wollen sie, nur dem, was sie besitzen, eine andere Form und Gestalt geben, und daß sie dabei leichtsinnig mit dem, was ihnen gegeben, umgehen und nach der Zerstörung oft nicht wieder im Stande sind, das Geschehene ungeschehen zu machen – ist es ihre Schuld, und thun wir großen, erwachsenen Menschen nicht so oft, oh, so entsetzlich oft im Leben genau dasselbe?

Und die Mutter sah das Alles nicht, hörte nicht einmal den Jubel der Lieblinge über eine vollbrachte diminutive Heldenthat, und leise tropften dann und wann große, helle Thränen von ihren Wangen nieder und auf die Arbeit, daß sie das Tuch zu Hülfe nehmen mußte, um nur wieder klar sehen zu können.

Geräuschlos war Felix eingetreten; aber kaum hatten ihn die Kinder bemerkt, als sie aufsprangen und sich jubelnd an seine Kniee hingen; er konnte sich ihrer kaum erwehren, und die Mutter wischte indessen rasch und verstohlen die verrätherischen Tropfen weg, daß der Gatte sie nicht sehen sollte.