»Das können Sie überschlagen,« unterbrach ihn der Director, »das ist blos die Einleitung, und die Geschichte haben wir selber mit durchgemacht. Gleich da unten geht's an: Wir sind uns einer Versäumniß bewußt...«

»Ah, da. »Wir sind uns einer Versäumniß bewußt, dem Publikum nicht schon gestern über das Stück berichtet zu haben; aber wir müssen gestehen, daß wir volle vierundzwanzig Stunden gebraucht haben, um uns von unserem Erstaunen über das Gesehene und Erlebte zu erholen. Herr Horatius Rebe den Hamlet – wenn wir es nicht selber mit gelitten und ertragen hätten, wir würden es jetzt noch nicht glauben und das Ganze für einen wüsten, unnatürlichen Traum halten. Aber leider ist es nur allzu wahr, und wir müssen die Thatsache constatiren, daß Herr Horatius Rebe allerdings vorgestern Abend den Hamlet, diesen dänischen Prinzen, auf eine Weise mißhandelt hat, die unserem Nationalgefühl nichts zu wünschen übrig ließ. Wir geben auch zu, daß ohne Herrn Horatius Rebe eine Störung in der Vorstellung stattgefunden haben würde, das heißt, die ganze Vorstellung wäre unmöglich geworden. Aber war das Publikum nicht zehntausendmal besser daran, wenn es sein Geld zurück, als diesen entsetzlichen Hamlet vorgesetzt erhalten?

»Was wir dabei nicht begreifen, ist die bodenlose Selbstüberschätzung dieses jungen »Künstlers«, der es wagen konnte, ohne zu erröthen – denn er sah blaß aus, daß wir eine Zeit lang im Zweifel waren, welches der Geist sei – dem urtheilsfähigen und feingebildeten Haßburger Publikum eine solche Qual zu bereiten. Die Noth entschuldigt dies keineswegs, denn er konnte sich doch unmöglich einbilden, die geistvolle Auffassung eines Handor uns ersetzt zu haben – also was sonst? Er hat nur eine Rolle hergesprochen, damit das Stück gegeben werden konnte – nur damit kein rechtlicher Grund vorhanden war, dem Publikum das Eintrittsgeld zurückzuzahlen.

»Wir haben die Gutmüthigkeit des Publikums bewundert, daß es sich das gefallen ließ und sogar dem Delinquenten noch applaudirte; es sollte ihm das vielleicht in etwas die Angst vergüten, die er gehabt. Nun, Gott sei Dank, der Abend ist auch überstanden und wird hoffentlich nicht wiederkehren.

Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels.

»Herr Horatius Rebe mag ein recht lieber, braver Mensch und ein guter Bürger sein, aber wir können es ihm Schwarz auf Weiß geben, daß er ein sehr mittelmäßiger Schauspieler ist. Sein Hamlet war der Beweis dafür: keine Idee einer höheren Auffassung, keine Faser von Genialität, kein Funke jenes göttlichen Feuers, das die der Kunst Geweihten auch durchdringen und sie und dadurch den Zuschauer elektrisiren muß.

»Das Einzige, was uns Herr Rebe an jenem Abend gezeigt, ist, daß er ein gutes Gedächtniß hat; möge er deshalb nie vergessen, daß er seine ruhmreiche Laufbahn wohl noch immer auf einer kleinen Winkelbühne Deutschlands fortsetzen kann, daß es aber dem Haßburger Publikum nicht zugemuthet werden darf, einen solchen Genuß zum zweiten Male zu leiden. Wir warnen die Direction wohlmeinend vor einem solchen Mißbrauch des Vertrauens und hoffen, daß diese milde Rüge genügt hat, Herrn Horatius Rebe dem hiesigen kunstsinnigen Publikum nicht mehr gefährlich zu machen.

F. S.«

»Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Krüger, als Rebe die Epistel beendet hatte und das Blatt wieder lächelnd auf den Tisch zurücklegte.

»Und sorgt Sie das wirklich, was ein Strohwisch schmiert?« sagte er. »Ich kann mir doch nicht denken, daß es auch nur den geringsten Einfluß auf das Publikum selber haben könnte; also lassen Sie ihn schreiben. Notiz darf man ja doch von einem solchen Menschen micht nehmen.«