Rottack wandte sich sogar an den Haushofmeister, um von diesem etwas über den gegenwärtigen Aufenthalt der Comtesse zu hören. Lieber Gott, der alte Mann wußte selber nichts darüber und liebte seine Herrschaft viel zu sehr, das von ihr weiter zu erzählen, daß sie mit eigenen Händen die einzige Kunde ihres verlorenen Kindes vernichtet hätten – und ein weiterer Brief war doch nicht eingetroffen.
Graf Rottack mußte unverrichteter Sache wieder nach Haßburg zurückkehren.
Empört war er aber hier, in dem sogenannten Stadtblatt einen ganz gemeinen Artikel über die Verhältnisse des Monford'schen Hauses zu lesen, auf welches Doctor Strohwisch eine specielle Malice zu haben schien. Es ist wahr, der alte Graf hatte ihn früher nicht mit der Hochachtung behandelt, die er glaubte als Vertreter der Presse beanspruchen zu dürfen. Sein erster Besuch im Schlosse war allerdings angenommen, aber nicht einmal durch eine abgegebene Karte erwidert worden, sein zweiter schlug total fehl, und nicht eine einzige Einladung war an ihn, trotz aller »Feste und Gelage«, wie er es nannte, ergangen. Man hatte ihn vollständig ignorirt, und er konnte deshalb eine so günstige Gelegenheit, sich zu rächen, nicht unbenutzt vorüber lassen.
Leider verfehlte er aber dadurch vollkommen den beabsichtigten Zweck, denn die Familie Monford war in Haßburg wirklich beliebt gewesen. Die alten Herrschaften galten allerdings für stolz, aber kein Nothleidender hatte je ihre Thür unbeschenkt verlassen, alle Armen- und Wohlthätigkeits-Anstalten der Stadt waren von ihnen stets auf das Freigebigste bedacht worden, und der junge Graf und die Comtesse durch ihre Liebenswürdigkeit und ihr offenes, freundliches Betragen gegen Jeden, mit dem sie in Berührung kamen, allbeliebt in ganz Haßburg gewesen. Das furchtbare Schicksal der Eltern bei so schwerem Verlust trug dann ebenfalls noch dazu bei, alle Schatten in dem allerdings etwas übermüthigen Charakter der Gräfin selber zu verwischen; was mußte ihr Mutterherz jetzt empfinden. – Desto unangenehmer wurden die Leser fast ohne Ausnahme von der rücksichtslosen Schadenfreude berührt, mit welcher ein Leitartikel des Blattes das Unglück dieses edlen Hauses besprach.
Einen unglücklicheren Moment hätte Strohwisch auch nicht wählen können, wenn ihm wirklich ein Erfolg am Herzen lag, als in derselben Nummer den Versuch zu machen, die Entrüstung des Publikums gegen die Theaterdirection aufzurufen, die an diesem Abend die Keckheit haben wollte, ihnen Herrn Horatius Rebe nochmals als Fiesco aufzuzwingen, dem er ein gänzliches Fiasco prophezeite.
Das Blatt wurde Herrn Rebe unter Kreuzband in's Haus geschickt.
Jeremias hatte es ebenfalls gelesen, aber er ließ sich an dem ganzen Tag nicht bei Pfeffers blicken, sondern lief in einer merkwürdigen und an ihm sehr ungewöhnlichen Aufregung in der Stadt herum. Die Klagesache mit Strohwisch konnte es auch nicht sein, denn die war schon abgemacht und er dieses Mal mit einer nicht unbeträchtlichen Geldstrafe davongekommen. Er tauchte auch oft in abgelegenen Straßen in kleine, ganz unansehnliche Spelunken ein, mit deren Bewohnern er einige Zeit verkehrte, stieg in dem Hause in den dritten, in jenem in den vierten Stock hinauf, und entwickelte überhaupt eine Thätigkeit, wie er sie vielleicht seit seinen Dienstjahren in Brasilien nicht mehr gezeigt hatte.
Um zwölf Uhr suchte er dabei kein Hotel auf, um sich nach der ungewohnten Anstrengung zu restauriren, sondern eine ganz gewöhnliche, noch dazu außer dem Weg gelegene Bierkneipe und Schenkwirthschaft, wo er sich ein Glas Bier und eine Portion Graupen und Rindfleisch, die einzigen Gegenstände, die auf der Speisekarte standen, geben ließ.
Er hatte dort aber noch nicht lange gesessen – und es war dabei augenscheinlich, daß er Jemanden erwartete, denn er sah fortwährend nach der Thür – als Peters, der Theaterdiener, auf der Schwelle erschien, ihm ziemlich vertraut zunickte, seinen alten Hut an einen Nagel hing und sich dann, wie zu einem alten Bekannten, neben ihn setzte.
»Na, das ist gescheidt, Peters, daß Ihr kommt,« sagte Jeremias.