Muth? – Es ist möglich, daß mehr moralischer Muth dazu gehört, eine Herausforderung abzulehnen, als sie anzunehmen; aber das Duell selber ist noch ein letztes Überbleibsel fast der alten, kräftigen Ritterzeit, wo der Mann auch für sein eigenes gutes Recht einstand und nicht um jeden Quark die Polizei belästigte. Das Duell hat manchen Übelstand, ja; mancher Streit wäre auch vielleicht ohne solch ein gewaltsames Mittel beizulegen gewesen, mancher Familie endloser Jammer, namenloses Leid erspart worden, aber trotzdem ist es in vielen Fällen nicht möglich, es zu vermeiden. Es ist ein anerkanntes Übel, aber ein nothwendiges, und nur eine Umwandlung unserer Ansichten und Meinungen könnte dem Zweikampf ein Ende machen.

Hier freilich hatte alte Sitte ein furchtbares und schweres Opfer gekostet, den einzigen Sohn des Hauses, das letzte Kind, und wie das Glück in früheren Jahren nicht müde geworden schien, all' seine Gaben mit verschwenderischen Händen über die von Tausenden beneidete Familie auszustreuen, so unerbittlich schritt jetzt das Unglück durch die verödeten Räume seine erbarmungslose Bahn, das Haus der Freude in ein Haus des Jammers wandelnd.

Der junge Graf war, von einem prächtigen Leichengepränge begleitet, in die Familiengruft beigesetzt worden, und wie die unglücklichen Eltern in das Schloß zurückkehrten, schien das sonst so gastfreie und allen geselligen Freuden geöffnete Haus in ein düsteres Kloster verwandelt zu sein.

Draußen das blitzende Thürschloß des Gartenthors deckte, der englischen Sitte nach, ein Trauerflor – der größte Theil der Dienerschaft war entlassen worden; der alte Graf wollte die vielen Menschen nicht mehr um sich sehen, die Fenster wurden verhängt und nur so weit geöffnet, um das nöthigste Tageslicht herein zu lassen, und die Gräfin selber lag gebrochen auf ihrem Bett.

Der Verlust Paula's hatte sie erschüttert, aber weit mehr ihren Zorn als ihren Schmerz erweckt; der Verlust des Sohnes, an dem ihr Herz mit aller Liebe hing, deren es nur fähig war, brach die Kraft, die sie bis dahin aufrecht gehalten, und sie gab sich jetzt so wild und rücksichtsvoll ihrem Grame hin, als sie den vorher hart und kalt in ihrer Brust zurückgehalten.

Das war ein trauriges Leben jetzt in dem sonst so fröhlichen Hause, und der alte Haushofmeister schlich wie ein Geist in den Räumen umher, als ob er die Verlorenen suche und ihren Verlust noch nicht glauben könne, noch nicht denken möge. So aufmerksam er aber dabei den Grafen selber bediente, so scheu hielt er sich von der bis dahin geliebten Herrin zurück, denn an dem Abend, an dem sie den Brief seiner lieben kleinen Comtesse kalt und erbarmungslos in die verzehrende Flamme warf, hatte sich sein Herz ihr entfremdet, und wieder und wieder zuckte ihm der Gedanke durch den alten Kopf, daß Gottes Strafgericht dafür das jetzt dem Untergang geweihte Haus betroffen habe.

Der Graf selber freilich brauchte fast keine Bedienung. Er verließ sein Zimmer nur dann und wann, um eine halbe Stunde auf der Terrasse auf und ab zu gehen und frische Luft zu schöpfen, fühlte sich aber so schwach, daß ihn ein Diener dabei unterstützen mußte. Er sprach auch wohl immer vom Reisen und befahl dem Haushofmeister drei-, viermal im Tage, die Koffer zu packen und Alles herzurichten, aber der Ober-Medicinalrath, der Morgens und Abends kam, schüttelte dazu mit dem Kopf.

Der Graf war unmittelbar nach den gehabten Aufregungen viel zu schwach, um jetzt an eine Reise denken zu können. Er mußte sich jedenfalls erst wieder, eine kurze Zeit wenigstens, erholen. In vier oder sechs Wochen ließ sich eher darüber reden. Jetzt brauchte er vor allen Dingen sorgsame Pflege und Ruhe.

Ruhe, Du großer Gott, Ruhe herrschte allerdings in dem Hause, aber die Ruhe des Grabes, und wie schon Jeder die Stätte der Trauer von selber mied, wurden selbst die wenigen Personen, die theilnehmend Trost spenden wollten, abgewiesen.

Auch Graf Rottack war hinaufgefahren, um den Unglücklichen sein inniges Beileid auszusprechen und vielleicht zugleich etwas Näheres über Paula's jetzigen Aufenthalt zu erfahren, um die sich Helene sorgte und abängstigte; aber weder Graf noch Gräfin nahmen einen Besuch an. Sie ließen der Nachfrage danken, fühlten sich aber jetzt zu leidend, um Fremde zu empfangen.