In der Stadt Leben und Bewegung, lärmende Vergnügungen und fröhliches Schaffen und Drängen – draußen auf dem Monford'schen Stammsitz dumpfe Schwüle und Grabesruhe.
Ja, die Sonne schien noch so warm und golden auf die schattigen Waldungen und den sorgfältig gehaltenen Rasen nieder, die Blumen blühten und dufteten wie vordem, der kleine Bergstrom rieselte rasch vorbei und rauschte und plauderte, und die Nachtigallen sangen Abends ihr wunderbar ergreifend Lied; aber still und geräuschlos glitten die Diener in dem alten Schlosse umher, öffneten und schlossen die Thüren leise und vorsichtig und sprachen nur flüsternd mit einander.
Der alte Graf hatte sich bis jetzt noch einigermaßen wohl gefühlt, wenigstens jeden Tag seinen kurzen Spaziergang gemacht. Gestern Abend aber, noch in später Stunde, war er plötzlich wieder, gerade als ihm der Haushofmeister seinen Thee in's Zimmer brachte, vom Stuhle gefallen und lag jetzt in dumpfem Hinbrüten in seinem Bette.
Der Ober-Medicinalrath war noch in der Nacht von Haßburg herausgeholt worden und saß an dem Lager des Kranken. Das war keine Ohnmacht mehr gewesen; der Tod hatte deutlich an des Lebens Pforte geklopft, und der alte Arzt fühlte wieder und wieder den Puls des Kranken, stand dann auf, ging in dem Zimmer auf und ab und setzte sich wieder am Bett nieder.
Die Gräfin kam nur selten in das Zimmer des Kranken, der allerdings nicht bewußtlos, aber vollkommen theilnahmlos auf seinem Bette lag. Er beantwortete auch keine der an ihn gerichteten Fragen, sah wohl nach der Thür, wenn sich diese öffnete, starrte dann aber wieder halbe Stunden lang zur Decke empor.
Des Ober-Medicinalraths Famulus war indessen von der Gärtnerwohnuug herüber gekommen, um Bericht abzustatten und den Arzt zu bitten, sich den Verwundeten dort oben selber einmal anzusehen. Es ging sehr schlecht mit ihm, und er fürchtete, da eine Amputation an der Stelle unmöglich war, das Schlimmste. Die Wunde nahm ungewöhnlich rasch einen bösartigen Charakter an, da sich der Verwundete noch außerdem in heimlicher Weise Branntwein verschafft und unmäßig davon getrunken hatte.
Der Ober-Medicinalrath schüttelte ungeduldig mit dem Kopf, versprach aber im Laufe des Morgens hinüber zu kommen, und fragte, ob sich der Geschossene nicht transportiren ließe.
Es war ganz unmöglich; bei der geringsten Bewegung schrie er laut auf.
Der alte Maulwurfsfänger befand sich wirklich in einer bösen Lage und hatte die ganze Nacht ein heftiges Fieber gehabt. Erst mit der Morgendämmerung ließ das etwas nach, und er fiel dann in einen unruhigen Schlaf, aus dem er manchmal mit einem Schrei emporschreckte. Gegen zehn Uhr wachte er auf und aß etwas Wassersuppe, aber er fühlte sich todesmatt. Als ihm der junge Arzt nachher die Wunde verband, betrachtete er sie selber auch kopfschüttelnd und sagte dann, indem er ihn fest ansah:
»Hören Sie 'mal, Herr Doctor, die Ränder gefallen mir nicht; ich habe in meinem Leben schon zu viel Derartiges gesehen. Das kommt mir beinahe vor wie der Brand – hm?«