Es war aus dem Mann nichts weiter heraus zu bekommen, und Jeremias begann einzusehen, daß er sich seine Winterreise nach Prag hätte sparen können, denn hier, an Ort und Stelle, erfuhr er nur einzig und allein die Bestätigung dessen, was sie schon in Haßburg über den Aufenthalt des Menschen in Prag gehört.
Und sollte er noch länger hier bleiben? Er wäre am liebsten gleich zurückgekehrt, aber dem Grafen Rottack lag die Sache so am Herzen, die liebe junge Gräfin hatte ihn so darum gebeten; er mußte jedenfalls noch ein paar Tage zugeben; möglich ja doch, daß er noch irgend Jemanden traf, der ihn auf eine bessere Spur bringen konnte. Er wollte es jedenfalls versuchen, denn er haßte nichts mehr, als so ganz nutz- und erfolglos in der Welt herumgefahren zu sein.
Nur allein von den Schauspielern selber konnte er aber hoffen, irgend etwas über diesen vermeintlichen Handor oder seine früheren Verhältnisse zu erfahren; er studirte deshalb einige Theaterzettel durch, um keinen zu übergehen, schlug die Wohnungen auf und trat dann seine Wanderung an, die ihn allerdings mit einigen sehr interessanten Persönlichkeiten zusammenbrachte, sonst aber auch nicht den geringsten Erfolg hatte. Einige behaupteten allerdings, jener Boslaw sei ihnen bekannt vorgekommen und jedenfalls ein routinirter Schauspieler, sein jetziger Name ihnen aber gänzlich fremd, und da er nie mit irgend Jemandem von ihnen, ausgenommen auf der einen Probe, verkehrt, habe man sich auch nicht weiter um ihn bekümmert.
Das war das nämliche Resultat überall, wohin er kam, bei den Herren wie bei den Damen, und die letzteren besonders verwahrten sich gleich von vornherein gegen die Möglichkeit, auch nur den entferntesten Umgang mit einem solchen »Paar« gehabt zu haben, wie jener Herr und Frau Boslaw.
Jeremias wurde dadurch immer unsicherer und zuletzt ganz fest überzeugt, daß er hier auf einer vollkommen falschen Fährte herumsuche, denn Handor selber – was er früher von ihm gesehen – hatte sich immer sehr anständig benommen, und seine junge Frau, die liebenswürdige Comtesse Paula, hätte ja alle Herzen im Sturm erobern müssen. Boslaw und Handor mußten also ganz entschieden zwei total verschiedene Persönlichkeiten sein, und unter solchen Umständen blieb es dann allerdings das Beste, nur wieder ruhig nach Haßburg zurückzukehren und von dort aus zu sehen, ob man nicht eine bessere Spur bekommen könne.
Einmal mit diesem Entschluß im Reinen und in dem vollen Bewußtsein, in dieser fremden Stadt sein Möglichstes gethan zu haben, um das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, packte er auch seinen Koffer wieder, zahlte seine Rechnung und ging hinaus auf den Bahnhof, um sein Billet zu lösen.
Das Wetter war bitter kalt, aber die Sonne schien hell und klar auf den knisternden Schnee nieder, und eine Menge Leute waren unterwegs, um den freundlichen Tag zu einem Spaziergang zu benutzen. Geputzte Menschen schritten überall an ihm vorüber oder er überholte sie; aber was kümmerten ihn die Fremden, er kannte doch keinen von ihnen, und eilte nur, ohne sich weiter umzusehen, dem Hausknecht nach, der in einem halben Trab, mit seinem Koffer aus der Schulter, vor ihm her lief.
»Herr Stelzhammer!« schrie ihm da plötzlich Jemand so laut und so nahe in die Ohren, daß er ordentlich zusammenfuhr und sich bestürzt umsah. Dicht neben ihm stand aber ein kleiner, schmächtiger Herr, etwas schäbig gekleidet, mit einer langen italienischen Cigarre im Munde, der ihn ganz erstaunt zu betrachten schien. »Ja, wo zum Teufel kommen Sie denn her?«
Jeremias würde das ausdruckslose Gesicht im Leben nicht wieder erkannt haben, wäre er nicht durch das unmäßige Schreien des Mannes an die Persönlichkeit erinnert worden.
»Herr Du meine Güte,« rief er aus, »habe ich nicht das Vergnügen, mit Herrn Mauser...?«