»Du liebst ihn nicht?« wiederholte aber auch die Mutter und drehte sich rasch und wie erstaunt der Tochter zu. »Und das sagt das Mädchen mit einer solchen Bestimmtheit, als ob damit die ganze Sache abgemacht und beseitigt wäre.«

»Der Vater hat mich gefragt, Mama, und er verlangt ja doch Wahrheit von mir.«

»Das allerdings, mein Herz,« sagte der alte Herr ruhig, während sein Blick forschend an dem Antlitz der Tochter hing, »die verlangt er in der That – aber kannst Du mir einen Grund angeben?«

»Und wäre es Liebe, Vater, wenn man einen Grund dafür nennen könnte?«

»Hm,« sagte der alte Herr, dadurch selber in Verlegenheit gebracht, »Du scheinst Nutzen aus Deiner Lectüre gezogen zu haben, mein Töchterchen. Die Sache ist denn aber doch zu ernsthafter Natur, um ihr durch ein Wortspiel auszuweichen; so höre denn, was ich Dir darüber zu sagen habe. Über die Familie Bolten selber brauchte ich kein Wort zu verlieren; wir haben sie Alle gern und sind lange, lange Jahre damit befreundet – wie geachtet und geschätzt sie im ganzen Lande sind, weißt Du außerdem, und unser alter Name braucht sich wahrlich nicht zu schämen, neben dem ihrigen genannt zu werden. Hubert ist dabei ein junger, liebenswürdiger Mensch, talentvoll, gutmüthig, ein bischen aufbrausend zwar, aber das wird sich mit den Jahren geben, und außerdem der einzige Sohn. Daß er Dich gern hatte, habe ich – und ich muß gestehen, zu meiner Freude – schon seit längerer Zeit bemerkt; daß Du ihm nicht abgeneigt warst, konnte Jeder sehen, der Euch ein paar Mal zusammen beobachtet hat. Dazu kommt, mein liebes Kind, daß uns Beide, Deine Mutter und mich, diese Verbindung mit dem Bolten'schen Hause glücklich machen würde, und ich bin überzeugt, daß alles dies zusammen genommen, wenn Du es Dir überlegst, Deinen Entschluß bestimmen muß. Ich brauche Dir nur noch zu sagen, daß heute Morgen, als wir in der Stadt waren, der alte Graf bei mir förmlich um Dich für seinen Sohn angehalten hat, und ich hoffe, wir können ihm heut Abend eine gute Antwort mit hineinnehmen – wie, mein Schatz?«

»Mein lieber Vater, ich – ich bin noch so jung!«

»Darin hast Du Recht, und das habe ich meinem Freunde Bolten selbst entgegnet; er sieht das auch vollkommen ein, und Du sollst nicht gedrängt werden. Wir haben deshalb Beide ausgemacht, daß die Trauung nicht früher als an Deinem achtzehnten Geburtstage stattfindet; um uns aber das Glück unserer Kinder zu sichern, wollen wir die Verlobung am nächsten Freitag hier bei uns feiern, wozu uns Deine gütige Mama einen kleinen Ball arrangiren wird – bist Du damit einverstanden?«

»Dränge sie nicht zu sehr, George,« sagte jetzt die Mutter freundlicher, als sie bis dahin gesprochen. »Ihr Männer seid Euch darin doch alle gleich, das folgt Schlag auf Schlag, und da soll das arme Kind auf jede Frage auch augenblicklich antworten! Versteht sich, wird sie wollen, aber Du siehst doch, daß sie jetzt bald roth, bald blaß wird – laß ihr doch nur Zeit, erst Athem zu holen!«

»Meine liebe, liebe Mutter!« rief Paula und warf sich, von ihren Gefühlen überwältigt, an der Mutter Brust.

»Aber, ma fille!« sagte sie, sich rasch und erschreckt losmachend – »komm, mein Herz, komm, wozu diese Aufregung – Du weißt, Kind, wie das immer meine Nerven angreift, und mein Kopf schmerzt mich überhaupt heute.«