»Aber ich liebe ihn nicht, Mama!« bat Paula in Todesangst. »Der junge Graf ist ein braver, lieber Mensch, aber – aber...«
»Aber, mein Kind?« fragte die Mutter streng.
»Er – er paßt nicht für mich – er – hat für nichts Sinn, als für seine Pferde und Gewehre – er haßt Musik und Bücher – er...«
»Lauter Verbrechen, nicht wahr?« lächelte die Mutter spöttisch – »und kann er deshalb nicht ein guter Ehemann werden?«
»Und soll das Herz denn gar keine Stimme haben, Mama?« flüsterte das arme, gequälte Mädchen – »soll denn nur immer todter Rang und Reichthum Verbindungen schließen und Menschen auf ewig an einander ketten, die sich ohne diese nie gefunden oder nur gesucht hätten?«
»Todter Rang und Reichthum, meine Tochter?« sagte der Vater ernst – »ich glaube, Du solltest uns dankbar dafür sein, daß wir Dir die Dir gebührenden Vorrechte auch erhalten und verwahren, Du wirst doch nicht glauben, daß ich Dich je unter Deinem Stande verheirathen würde?«
»Willst Du mich nicht glücklich sehen, Papa?« fragte Paula herzlich.
»Gewiß, mein Kind, das ist mein heißester Wunsch,« erwiderte der Vater, »aber eben deshalb muß ich jetzt über Dich wachen, daß Dich Dein leicht erregtes Herz nicht zu einem Schritt hinführt, den Du später schwer bereuen und dann sicher unglücklich dadurch werden würdest. Aber wie ich Dir schulde, für Dein Glück zu sorgen, so schuldest Du auch uns, die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten, und wer Dir dabei am besten rathen kann, sind denn doch wohl Deine Eltern selber.«
»Und wenn ich vorher wüßte, daß ich unglücklich werden würde?«
»Paula,« sagte der Vater ernst, »ich bitte Dich, nur jetzt, wo es sich um Deine ganze Zukunft handelt, Deine überspannten Romane und phantastischen Ideen aus dem Spiel zu lassen! Du hast uns schon neulich einmal so eine Andeutung gemacht, daß Du Dich an der Seite des ärmsten Mannes glücklich fühlen könntest, wenn »Eure Seelen«, wie Du Dich beliebtest auszudrücken, mit einander harmonirten. Es ist der alte Unsinn mit »eine Hütte und ihr Herz«, der so lange stichhaltig bleibt, bis das Herz eben in die Hütte hineinziehen soll und die Räumlichkeit dann überall zu beengt findet. Glaube mir, mein Kind, solche Ideen sehen sehr hübsch auf dem Papier aus und lassen sich vortrefflich bei einer warmen, mondhellen Nacht durchschwärmen, aber sie gleichen jenen wunderbar schillernden Quallen, die an der Oberfläche der See herumschwimmen und von Weitem einen prachtvollen Anblick gewähren, nimmt man sie aber in die Hand, so bleibt nichts übrig, als eine graue, schlammige Blase, die man mit Ekel wieder von sich wirft. »Gleich und Gleich gesellt sich gern!« ist ein altes, gutes und wahres Sprüchwort, und wir finden das in der Natur bestätigt, wohin wir blicken. Ein Adler könnte sich da eben so wenig daran gewöhnen, einen Bund für das Leben mit einem Truthahn zu schließen und von Körnern und Kartoffelschalen zu leben, weil ihre Seelen vielleicht sympathisiren – es geht eben nicht, und die Grafentochter würde sich elend und unglücklich fühlen, wenn sie aus der gewohnten Sphäre niedersteigen und in einer Hütte leben sollte. Das sind eben jugendliche Träume, die ich auch nicht zu hoch anschlage und deshalb gern verzeihe. Nun sei aber vernünftig, mein Töchterchen, Du bist alt genug dazu. Wir haben eine Wahl für Dich getroffen, die Dein Herz nur mit Freude und Dankbarkeit gegen uns erfüllen kann, also füge Dich dem; denn Du weißt auch, daß Deine Eltern nie ihre Einwilligung zu einer Verbindung unter Deinem Range geben würden, solltest Du wirklich je thöricht genug sein, selber an etwas Derartiges ernsthaft zu denken.«