Es enthielt weder Adresse noch Unterschrift, und nur die wenigen Zeilen:
»Mein Herz! Ich muß Dich heut Abend zwischen neun und zehn Uhr, und wenn es selbst noch später sein sollte, sprechen. Eine furchtbare Kunde ist zu meinem Ohr gelangt, die mich zum Denken unfähig macht. Ich muß Leben oder Tod von Deinen Lippen empfangen. Wann Du auch kommst, von neun Uhr an harr' ich Dein.
Ewig der Deine.«
»Also er weiß es,« sagte Paula, wie sie nur mit flüchtigen Blicken die Zeilen verschlungen hatte; »oh, mein Gott, was soll ich thun – armer, armer Rudolph – arme, arme Paula!«
Das Papier noch in der Hand, lehnte sie an der Ringmauer, stützte den Kopf in die Rechte und schaute mit thränengefüllten Augen in das Grün der Bäume hinein.
»Und da steckt meine kleine Schwärmerin,« rief plötzlich dicht hinter ihr eine laute, lachende Stimme, daß sie mit einem nur halb unterdrückten Schrei emporzuckte und zugleich das verrätherische Papier in der Hand zusammenknitterte. »Holla, und erschrickt sogar?« fuhr dieselbe Stimme fort, und sie erkannte ihren Bruder George, der mit Sporen und Reitpeitsche, wie er eben vom Pferd gestiegen, hier heraufgesprungen war. »Was hast Du, Mädel – und Thränen in; den Augen? Das ist kein Gesicht für ein Bräutchen!«
Paula, nur im ersten Moment überrascht, hatte ihre Geistesgegenwart schnell wiedergewonnen; von dem leichtherzigen und nichts weniger als mißtrauischen Bruder brauchte sie auch keine Entdeckung zu fürchten. Ja, wenn es ihr Drachen, Mademoiselle Beautemps, gewesen wäre!
»Ach, George,« sagte sie traurig, indem sie den jetzt fest zusammengeknillten Brief in ihre Tasche brachte, »mir ist auch nicht wie einer Braut zu Muthe, am wenigsten mit dem mir bestimmten Bräutigam. Ich will ja noch nicht heirathen.«
»Das sollst Du aber auch gar nicht, närrisches Kind,« lachte George. »Du hast ja beinahe noch ein volles Jahr Zeit, um Dir diesen »wichtigsten aller Schritte«, wie der Papa sagt, gehörig zu überlegen.«
»Aber was kann ich noch überlegen, wenn ich verlobt bin? Oh Gott, ich wollte, ich wäre ein armes, schlichtes Bauernmädchen, daß sich Papa und Mama nicht so viel um meine Heirath bekümmerten.«