»Geh' voran, George,« bat Paula, »mir sind die Augen noch roth; ich komme gleich.«
»Aber mach' nicht zu lange; ich bin selber neugierig, unsere neuen Nachbarn kennen zu lernen. Bei Boltens wurde schon von ihnen gesprochen. Die Frau Gräfin soll eine ganz brillante Schönheit sein.«
»Geh nur voran, George, ich komme gleich nach,« sagte Paula und stand noch ein paar Secunden, als sie der Bruder schon verlassen hatte, und sah hinter ihm drein. Dann nahm sie den erhaltenen Brief aus der Tasche, riß ihn in unzählige kleine Stücke und streute die vom Luftzug fortgetragenen Fragmente über die Ringmauer in den Wald hinab. –
Während indessen Graf und Gräfin Monford ihre Wohnung betraten, meldete ihnen schon einer der Diener, daß Graf Rottack und Gemahlin nach ihnen gefragt, dann in den Park gegangen seien, um sie selber aufzusuchen, und nun dicht hinter ihnen herkämen. Das junge Paar war in der That kaum hundert Schritt hinter ihnen, und die beiden Herrschaften hatten nur eben Zeit gehabt, sich in das Empfangszimmer zurückzuziehen, als ihnen der Besuch auch schon gemeldet wurde.
Rottack betrat, Helene am Arm, den untern Saal, der, mit geöffneten Flügelthüren und einer kleinen, wohlgepflegten Terrasse davor, einen freundlichen, sonnigen Blick auf das weite Land bot. Graf Monford – während die Gräfin vom Sopha, auf das sie sich in der Geschwindigkeit niedergelassen, aufstand – ging ihnen entgegen, reichte Rottack die Hand und sagte herzlich: »Herr Graf, es ist unendlich liebenswürdig von Ihnen, uns Ihre liebe Frau zugeführt zu haben. Frau Gräfin, ich schätze mich glücklich, Sie in Haßburg, und noch dazu als Nachbarin begrüßen zu können – meine Frau!«
Gräfin Monford, welche die junge Frau beim Eintritte scharf fixirt hatte, verneigte sich kalt und vornehm, und Helene, die sie fast mit Ehrfurcht begrüßte, fühlte, wie ihre Kniee zitterten, und mußte alle ihre Energie zusammen nehmen, um diese erste, oh, so verzeihliche Schwäche zu besiegen. Aber sie war von Jugend auf daran gewöhnt worden, sich zu beherrschen; sie wußte, wie nothwendig das besonders hier jetzt sei, und wenn sie auch fühlte, daß das Blut wieder ihre Wangen für einen Moment verließ, nahm sie sich doch tapfer zusammen und erwiderte sogar ein paar Worte auf die Anrede des alten Herrn, freilich unbewußt, ohne sich dessen klar zu sein, was sie eigentlich sagte.
Für einen solchen Fall sind unsere gesellschaftlichen Formen aber ganz vortrefflich, denn nur mit dem passenden Ausdruck in den Zügen, darf man wirklich unzusammenhängende Formeln schwatzen, um die nämliche Wirkung zu erzielen, wie bei der vernünftigsten und durchdachtesten Rede. Was für Unsinn wird manchmal bei solchen Begrüßungen mit der ernsthaftesten Miene gesprochen, mit der ernsthaftesten Miene angehört und erwidert! Es sind nur eben Worte, die man verlangt, auf den Sinn dabei kommt es wahrlich nicht an.
»Sie sind erst ganz kürzlich hier in Haßburg eingetroffen?« wandte sich die Gräfin Monford an ihren jungen Besuch, denn über etwas mußte gesprochen werden.
»Gestern, Frau Gräfin,« erwiderte Helene und fühlte sich noch nicht stark genug, das Auge zu der Frau zu erheben, während Felix, indem er mit dem Grafen sprach, die Züge der Dame scharf und forschend musterte.
»Und Sie beabsichtigen, sich hier bleibend niederzulassen?«