Es war der Einladung nicht länger auszuweichen, und während Rottack einen der Stühle heranschob und sich darauf niederließ, setzte sich Jeremias auf die äußerste Spitze eines andern, daß es ordentlich gefährlich aussah, denn er konnte jeden Augenblick herunterrutschen.
Die Dame hatte, sich fest in ihren grellfarbenen Morgenrock einhüllend, ihnen gegenüber auf dem Sopha Platz genommen und schien mit der gespanntesten Aufmerksamkeit die Eröffnung zu erwarten.
Jung war sie nicht mehr – sie mochte wohl im Anfang der Vierzig sein – hübsch war sie gerade auch nicht, und ihr Gesicht ein wenig zu sehr markirt, obgleich sie lebendige Augen und besonders weiße Zähne hatte. Nur ihr Teint war weiß, wie das gewöhnlich bei rothen Haaren der Fall ist, und diese Haare störten auch Rottack besonders, denn er mußte immer wieder unwillkürlich zu den zahllosen, scharf durch die Papilloten gekräuselten Locken aufsehen, die besonders gegen die grelle Orangenfarbe des Überwurfs gar nicht zu ihrem Vortheil abstachen. Jeremias dagegen, der mit dem nämlichen Wohlbefinden seinen Platz auf jeder Armensünderbank eingenommen haben würde, sah gar nichts. Ihm schwamm Alles vor den Augen zu einem rothen, blitzenden, unbestimmten Schein zusammen, und nur des Einen Gefühls war er sich bewußt: Fort möcht' ich!
»Also in was könnte ich Ihnen Auskunft geben?« sagte Fräulein Bassini endlich, der die Pause etwas zu lange dauerte, indem sie wie unwillkürlich einen Griff nach ihrer Dose machte, die Hand aber wieder erschreckt zurückzog.
Rottack stak fest – es war eine verwünschte Geschichte, denn er wußte nicht, wie er beginnen sollte, und Jeremias selber that den Mund nicht auf. Er konnte doch die Dame nicht direct fragen, ob sie schon einmal verheirathet gewesen wäre. Etwas mußte aber auch geschehen, denn stumm konnten sie einander nicht gegenüber sitzen bleiben. Mit einem fast gewaltsamen Ansatze sagte er endlich:
»Haben Sie vielleicht eine Schwester oder Verwandte, die den nämlichen Namen führt, wie Sie, und ebenfalls beim Theater ist?«
»Nein,« lächelte Fräulein Bassini, diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorüber lassend, ihre Zähne zu zeigen, »nicht daß ich wüßte.«
Es war wieder nichts.
»Das ist wunderbar,« sagte der junge Graf nach einer Pause; »ich erhielt nämlich vor einiger Zeit einen Auftrag von einem Freund in – Amerika, mich genau nach der Familie zu erkundigen und ihren Wohnort zu erfahren, und – da ihm – da meinem Freunde sehr viel daran gelegen scheint, so würde es mir aufrichtig leid thun, seine Bitte nicht erfüllen zu können.«
»Darf ich fragen, wie Ihr Freund heißt?« sagte Fräulein Bassini mit liebenswürdiger Unbefangenheit und brachte Rottack dadurch in eine noch viel größere Verlegenheit, denn wie hieß Jeremias eigentlich? Er hatte ihn nie unter einem andern Namen als seinem Vornamen gekannt, ja, bis jetzt auch wirklich noch gar nicht daran gedacht, daß er möglicher Weise anders heißen könne, und jetzt, in Gegenwart der Dame, durfte er ihn doch nicht um seinen Namen fragen.