„Ich schreie um Hülfe, wenn Sie nicht aufhören“, unterbrach ihn die Dame und wurde wirklich todtenbleich dabei. „Herr, ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich die ekelhaften Beschreibungen nicht mitanhören kann. Behalten Sie Ihre Lebern und Geschwülste für sich oder ich setze mich hinaus zum Conducteur auf den Bock. — Jesus Maria, meine Nerven!“
„Darf ich Ihnen vielleicht ein wenig Eau de Cologne anbieten?“ sagte der Commerzienrath schüchtern, der solche Einwendungen gegen seine Leiden gar nicht vermuthet hatte, indem er in die Tasche griff nach seinem kleinen Flacon zu suchen, „das thut Ihnen vielleicht gut.“
„Ich danke Ihnen, ja“, sagte die Dame und streckte die Hand aus das Dargebotene in Empfang zu nehmen; Herr Mahlhuber hatte es aber selber noch nicht, und die rechte Rocktasche stak ihm so voll von verschiedenen Gegenständen: eingewickelte Semmeln, Brillenfutteral, Schnupftabacksdose und dann das verwünschte Pistol, das er heute Abend fest beschloß unten in seinen Koffer zu legen, er konnte das kleine Fläschchen gar nicht finden und begann, da die Dame den Arm noch ausgestreckt hielt, die verschiedenen Gegenstände immer ängstlicher auszukramen und neben sich hinzulegen.
„Ich begreife gar nicht“, murmelte er dabei vor sich hin, „wo die — Dorothee — das kleine Fläschchen anders könnte hingesteckt haben als in — als in diese Rocktasche. Da, das hier ist eine eingewickelte Semmel — das hier“, er nahm das Pistol aus der Tasche und legte es neben sich hin, „das hier ist —“
„Um Gotteswillen, was wollen Sie mit dem Schießgewehr?“ schrie die Dame jetzt so laut, daß der Fremde ihnen gegenüber erwachte oder doch die Augen öffnete und einen flüchtigen Blick hinüberwarf, dann aber wieder in seine frühere Stellung zurückfiel, „es ist doch nicht geladen?“
„Bewahre“, lächelte der Commerzienrath, der das Fläschchen endlich gefunden und ihr gereicht hatte, etwas verlegen und suchte, um sie selber zu überzeugen, durch den Lauf des verdächtigen Pistols zu blasen; aber vergebens blies er die Backen auf und wurde ganz roth im Gesicht.
„Es ist verstopft“, sagte er dann, entweder zu seiner oder des Pistols Entschuldigung.
„Halten Sie das schreckliche Ding nur nicht gegen mich“, rief die Dame, nichts weniger als beruhigt durch den verunglückten Versuch; „wenn es losginge....“
„Ich will Ihnen beweisen, daß es keine Gefahr hat“, sagte der Commerzienrath entschlossen, dem muthlosen schwachen Wesen gegenüber, und den Hahn aufspannend zielte er auf die ihm gegenüberstehende Hutschachtel seiner schönen Reisegefährtin.
„Um Gotteswillen, was wollen Sie thun?“ rief die Dame, jetzt wirklich erschreckt; aber sie hatte keine Zeit etwas Weiteres zu fragen, denn ein furchtbarer Schlag, der ihnen Allen das Trommelfell zu zersprengen drohte, schmetterte mit einem vor ihnen hinzuckenden Blitze durch den engen Raum des Wagens und im nächsten Augenblick schon füllte dichter undurchdringlicher Pulverdampf das Coupé vollkommen an. Die Dame stieß dabei natürlich einen gellenden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die Pferde rissen in ihr Geschirr und wollten durchgehen, und Postillon und Conducteur brauchten wenigstens zehn Minuten Zeit sie zu beruhigen und wieder in ordentlichen Gang zu bringen.