Nur der Fremde, der für den Augenblick in dem entsetzlichen Pulverqualm vollständig verschwunden war, sagte kein Wort und saß um so unheimlicher und drohender in dem undurchdringlichen Qualm. — Heiliger Gott, wenn er ihn getroffen und todtgeschossen hätte! Der Commerzienrath wagte nicht die Hand auszustrecken, den furchtbaren Verdacht bestätigt zu finden oder zu zerstreuen.
Der Wagen hielt endlich. „Ho, brrr, Gott verdamm’ mich, ob ihr stehen wollt, kopfscheue Bestien — ho, brrr, so mein Thierchen, so ooo — gutes Thier, so Schimmel“, tönten die Beruhigungslaute von draußen zu ihnen herein, der Conducteur sprang aus dem Cabriolet und riß den Schlag auf.
„Heiliges Kreuzdonnerwetter, was ist hier vorgegangen?“ schrie er, zurückprallend, als ihm der weiße warme Schwefelqualm entgegenschlug, der die willkommene Bahn ins Freie fand, „was ist geplatzt?“
Die Dame lag in Ohnmacht und der Commerzienrath konnte nicht antworten, denn sein ängstlicher Blick suchte durch den weichenden Nebel die lautlos dasitzende Gestalt des Fremden. Nur erst sicher wollte er sein, daß dort kein Unglück geschehen wäre, wenn er auch natürlich nicht begriff wie eine Ladung und eine so furchtbare Ladung in die für ganz harmlos gehaltene Waffe hineingerathen sein konnte. Wie sich der Nebel verzog, wurde auch das Gesicht des Fremden in der andern Ecke sichtbar, aber so unheimlich verzerrt, roth und drohend, während die Augen unter den halb zusammengekniffenen Brauen wild und lauernd vorblitzten, daß der Commerzienrath ihn schon am Arme fassen und ins Leben zurückschütteln wollte, als der Conducteur die Stille wieder unterbrach.
„Wer ist todt?“ rief er und keineswegs blos im Scherz, denn das unheimliche Schweigen im Wagen kam ihm selber verdächtig vor. „Himmelsacerment, wenn sich Jemand eine Kugel durch den Schädel schießen will, brauchte er sich doch dazu nicht auf der königlich bairischen Eilpost einschreiben zu lassen, daß Einem die Pferde noch am Ende durchgehen und außerdem Unheil anrichten? — Das ist nun der Zweite. Nun?“ setzte er dann erstaunt hinzu, als er die drei Passagiere nach und nach durch den Qualm erkennen konnte und alle noch am Leben fand, wenn er auch des Commerzienraths vis-à-vis noch immer etwas mistrauisch betrachtete — daß die Dame in Ohnmacht lag, verstand sich von selbst. „Was zum Teufel haben Sie denn dahier angerichtet — ach Schwerenoth“, rief er plötzlich, als sein Blick auf das neben ihm stehende Gepäck fiel, „gerade in die Hutschachtel geschossen.“
„In die Hutschachtel?“ rief die Dame entsetzt, jetzt plötzlich und ohne weitere Hülfe aus ihrer Ohnmacht emporfahrend, und der Fremde drüben wurde immer röther im Gesicht. „Heilige Mutter Gottes, mein Hut!“
„Wer hat denn aber hier im Wagen geschossen?“ rief der Conducteur jetzt mit strengerer Amtsmiene, während die Dame entsetzt über ihre Hutschachtel herfiel, den erlittenen Schaden zu besichtigen, „ich werde Sie im nächsten Postamte anzeigen. Sie da, was thun Sie mit einem geladenen Pistol in der königlichen Post?“
„Postamt anzeigen?“ rief der Commerzienrath in tödtlichem Schreck, „und des vermaledeiten Pistols wegen, gegen das ich mich aus Leibeskräften gesträubt?“
„Sie dürfen hier im Wagen gar kein Pistol haben“, sagte der Schaffner streng.
„Ich wollte ich hätte es nie gesehen“, rief der Commerzienrath in ausbrechendem Grauen; „da“, fügte er dann hinzu und schleuderte die Waffe, gar nicht an das aufgezogene Fenster denkend, mitten durch die Scheibe hinaus auf die Straße, daß die Scherben im Wagen herumflogen und auf die harte Chaussée draußen niederklirrten.