Der andere Passagier dagegen saß so ruhig und regungslos wie immer in dieser Confusion und sagte kein Wort; er mußte jedenfalls stumm, vielleicht gar taubstumm sein, oder wenigstens keine Silbe von ihrer Sprache verstehen.

Aber dem Commerzienrath gingen andere Dinge im Kopfe herum, als sich um den geheimnißvollen Fremden zu kümmern. Glücklicherweise kannte ihn Niemand, denn mit der Post war er früher nie in Berührung gekommen und eingetragen nur unter dem anspruchlosen Namen Mahlhuber. Die paar Thaler, die es ihm gekostet hatte, betrachtete er als Lehrgeld für spätere Zeit, und pries sich immer noch glücklich so billig davongekommen zu sein. Auf der nächsten Station bezahlte er auch die Scheibe mit 1 Gulden 25 Kreuzer und Polster und sonstige Beschädigung des königlichen Postwagens mit 3 Gulden 30 Kreuzer, dem er natürlich ein nicht unbedeutendes Geschenk für Conducteur und Postillon beifügte, dieser Schweigen zu erkaufen. Er dankte auch seinem Gott, als er endlich Gelegenheit bekam, auf seinem schon früher bestimmten Anhalteplatz einige Minuten vor 9 Uhr Abends aussteigen zu dürfen, der Gesellschaft, in der er sich nicht mehr getraut hatte ein Wort zu sagen, wie der unangenehmen Erinnerung enthoben zu sein. Was für ein Glück, daß er Dorothee’s Vetter nicht mitgenommen hatte.

An Ort und Stelle angelangt und nachdem der Schaffner sein Gepäck aus der Schoßkelle genommen, um das sich vor dem Postgebäude Niemand weiter zu kümmern schien, nahm er Reisesack und Schirm, Stock und Sitzkissen aus dem Wagen, drehte sich dann noch einmal um und sagte, mit einer verbindlichen Verbeugung nach dem Innern des Wagens zu, die von der Dame mit einem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ begleitet wurde:

„Angenehme Reise, meine Herrschaften.“

„Gute Nacht, Herr Commerzienrath“, sagte der Fremde, der bis dahin noch keine Silbe gesprochen, und der also Betitelte stand, seine Reiseutensilien in beiden Händen, wirklich mit halbgeöffnetem Munde vor lauter Ueberraschung da; aber der Schaffner warf in dem Augenblick den Schlag wieder zu, die Pferde waren vorgespannt und fortging’s mit schmetterndem Horngetön durch die stillen Straßen des kleinen Fleckens über das rauhe Pflaster hin, was die Thiere laufen konnten.


[4.]
Das Posthaus und die Mamsell.


Der Commerzienrath Mahlhuber stand noch, wie wir ihn im vorigen Capitel verlassen, viele Minuten lang wirklich sprachlos vor Erstaunen und Ueberraschung da, bis er selbst das Rollen der Räder nicht mehr hören konnte.

„Gute Nacht, Herr Commerzienrath“, hatte der Mensch gesagt, der die ganze Fahrt hindurch keine Silbe gesprochen, und den er einmal für einen Engländer und dann für taubstumm gehalten, bis er zu der Ueberzeugung kam, daß es doch am Ende ein Engländer sein könne. „Gute Nacht, Herr Commerzienrath“; woher, um des Himmels willen, wußte der Mann seinen Namen?