„Fragen kann mer noch emal“, sagte der Mann, seine Laterne niedersetzend und seine Hosen etwas in die Höhe ziehend, „manchmal nimmt die Mamsell Gäste ein, manchmal nich — wie’s ’r gerade paßt.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten schlenderte er langsam, den Commerzienrath bei den Koffern und der Laterne zurücklassend, in die Post hinein, die schmale steinerne Treppe hinauf. Die „Mamsell“, wie er die gleich darauf in der Thür erscheinende Dame genannt, schien aber seiner Beredtsamkeit nicht haben widerstehen zu können, denn ihre gastliche Stimme rief gleich darauf von der Treppe aus ein eben nicht ermunterndes, aber doch auf weitere Erklärungen sich einlassendes „Wer ist denn da?“

Die Gefahr, die Nacht, wegen der er die Postfahrt unterbrochen, auf einer Streu zubringen zu müssen, machte den Commerzienrath beredt; er ging näher zur Thür, stellte sich der Dame (unter dem Lichte der Stallaterne, die er zu dem Zwecke hoch in die Höhe hielt) als einen Reisenden vor, der seiner Gesundheit wegen nicht mit der Post weitergefahren wäre und das Aergste befürchten müßte, wenn er nicht die Nacht in einem warmen Bette zubringen könne, und war sogar schon im Begriff auf seine Leber und vielleicht auch auf die mit ihr in Verbindung stehende Balggeschwulst einzugehen, als die Mamsell, die rasch den gesetzten achtbaren Bürger oder vielleicht gar Staatsbeamten in ihm erkannte, ihr tröstliches und schon viel freundlicheres „Treten Sie näher!“ ihm hinüberrief und den theilweisen Postbeamten beorderte, des Herrn Sachen in die „grüne Stube“ hinaufzutragen.

„Grüne Stube!“ Schon das Wort klang behaglich, und mit einem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ griff Herr Mahlhuber seine Sachen auf und folgte dem mit einem Koffer und der Stallaterne vorausgehenden dienstbaren Individuum die Treppe hinauf in das Haus.

Die nächste Stunde verging dem Reisenden übrigens in dem unbehaglichen Gefühle, keinen Platz zu haben wo man zu Hause ist. Es war ihm Alles fremd und unwohnlich in der fremden Stube; die hölzernen Stühle, der wunderbare Geruch, die niedere räucherige Decke, die schrecklichen Bilder an den Wänden, Caricaturen von Heiligen und Märtyrern und ein Napoleon dazwischen, der auf der Spitze eines Gletschers galoppirt, während an der gegenüberstehenden Wand schlechte Lithographien von Landesvätern und Landesmüttern hingen. Unheimlich auch sah der alte Wandschrank aus, wo neben einer alten wiener Stutzuhr mit alabasternen Säulen ein grünangestrichener Gypsmops stand, der früher einmal einen beweglichen Kopf gehabt und mit ängstlich verdrehtem Halse jetzt in die Stube unter sich hinunterstarrte, während auf der andern Seite eine weithalsige, oben eingebrochene Glascaraffe einen Büschel Schilfblüte mit einigen roth- und gelbgefärbten Strohblumen hielt.

Die „Mamsell“ lenkte jedoch seine Aufmerksamkeit von den übrigen Gegenständen ab, denn sie erkundigte sich nach den Befehlen des Gastes wegen „Abendbrot“. Die Auswahl war freilich sehr beschränkt, also leicht getroffen: aufgewärmter Kalbsbraten mit getrockneten Birnen und einer halben Flasche Rothwein „vom Besten“, wie er noch vorsichtig hinzusetzte, denn die altmodischen dickgeschliffenen Weingläser mit viereckigem Fuße erweckten eine dunkle Ahnung von sauerm Landwein in ihm, die er nicht gleich wieder von sich abscheuchen konnte.

„Kommen Sie schon weit her?“ fragte jetzt die Mamsell, die sich die Schürze an der einen Seite aufgesteckt und die Aermel, man wußte eigentlich nicht recht weshalb, in die Höhe gekrempelt hatte.

„Von Gidelsbach“, sagte der Commerzienrath in seiner Unschuld, „und — und drüber hinaus“, setzte er dann etwas rascher hinzu, denn er hatte sich ja einmal vorgenommen „incognito“ zu reisen.

Die Mamsell war eine nicht gerade sehr junge Dame, in ihren „besten Jahren“, so zwei- und vierunddreißig vielleicht, aber mit sonst noch sehr jugendlichem Aeußern, langen Locken, zurückgescheitelten Haaren und großen goldemaillirten Ringen in den Ohren. Auch der Schnitt ihres Kleides gehörte jedenfalls einem vergangenen Alter an, während sie die Fragen an den Gast mit einer schüchternen mädchenhaften Verschämtheit, die in eigenthümlichem Widerspruch zu ihren ersten Worten, als sie noch in der Thür stand, richtete.

„Ach, Gidelsbach liegt so schön“, nahm die Mamsell den Anknüpfungspunkt an den einen bekannten Namen, „es ist von jeher mein Lieblingswunsch gewesen dort zu wohnen, das muß ein wahres Paradies sein. Sind Sie dort bekannt?“

„Wenig“, sagte der Commerzienrath, seine Vaterstadt verleugnend; „das Essen ist wol bald fertig?“