Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen enganschließenden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitränderigen Strohhut mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm stützte. Sie sah aus wie eine junge Dame, die ein paar Stationen fährt, irgend Verwandte zu besuchen, dort vielleicht ein oder zwei Nächte zu bleiben und dann in demselben Kleide nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im Coupé keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmüthigen Lächeln des Commerzienraths spurlos vorüberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das große dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ängstlich fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wünsche oder ob er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natürlich nicht wäre, frappant ähnlich sähe. Sie drehte jedoch das Köpfchen gleich darauf wieder leise erröthend nach der andern Seite, und er dachte nicht weiter daran.

„Es ist jedenfalls Mann und Frau“, sagte indessen die eine alte Dame auf der andern Seite des Coupé, die sich zu der ihr gegenüber Sitzenden mit dem Oberkörper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu schreien brauche, „sie reden fast gar nicht miteinander und die junge Frau dreht nur manchmal das Köpfchen nach ihm herum, zu sehen was er für ein Gesicht macht.“

„Der alte Esel hätte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so jungen Dinge denken sollen — wenn’s wahr ist —“ sagte die Andere.

„Ich möchte nur wissen wie lange das dauern wird“, meinte die Erste wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber augenblicklich anscheinend gleichgültig zum Fenster hinauswarf, als sie deren Auge fest auf sich geheftet fand; „sie kann das doch nicht gehört haben“, setzte sie schnell und leise hinzu.

„Und was wär’s?“ sagte die Andere, den Kopf hinüberwerfend, „Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung, sollt’ ich denken.“

Die dem Commerzienrath gegenübersitzende Dame hatte indessen kaum einen Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit den Füßen unter sich gefühlt und bald ihre Röcke beiseite gedrückt und an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.

„Suchen Sie etwas?“ fragte dieser endlich gefällig, und sie hatte wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.

„Ach das ist mir sehr fatal“, sagte die Dame, „ich muß meine Ueberschuhe zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit meinen dünnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten.“

„Wenn Sie mir erlauben“, sagte der Commerzienrath und machte einen verzweifelten, wenn auch völlig erfolglosen Versuch sich zu bücken, „so will ich selber einmal nachsehen.“

„O bitte, bemühen Sie sich nicht — ach das ist mir doch recht fatal“, sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und blühend aussehende Frau.