„Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt“, sagte der Commerzienrath seufzend, „man muß so Manches entbehren, dessen Nützlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es vermißt.“

„Ja, und besonders wenn man leidend ist“, sagte die junge hübsche Frau mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster hinaussah; „ich kann mir den Tod holen in meinen dünnen Schuhen.“

„Es ist unendlich fatal“, sagte der Commerzienrath und sah noch einmal nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede Aussicht nach unten rettungslos versperrten.

„Ich gehe nie in Zeugstiefeln“, sagte eine dicke Dame in einem papagaigrünen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem Gesichte und einem Paar entsetzlich großer emaillirter Ohrringe, die rechts und links aus dem Hute heraushingen — sie saß dicht neben der jungen Frau, dem Commerzienrath schräg gegenüber, und hatte indessen eben eine gestrichene Semmel mit Käse beendet, die einen warmen unangenehmen Geruch im Coupé verbreitete —; „ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu heiß. Durch die Ueberschuhe verdirbt man sich die Füße. Männer tragen sie und mögen sie tragen — Männer rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe für etwas Unweibliches.“

Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte verstanden, nahm das wunderbarerweise für ein ihm gemachtes Compliment, wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:

„Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich mein kränklicher Zustand mich wol dabei würde entschuldigt haben. Dorothee, weiß ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber ich sträubte mich hartnäckig dagegen — ich habe Frostballen am linken Fuß.“

„Dorothee heißt sie“, sagte die eine Dame an der andern Seite des Coupé leise zu ihrer Freundin.

„Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen kränklichen Zustand hätten“, erwiderte ihm die dicke Dame mit den großen Ohrringen. „Es ist merkwürdig was die Männer immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben.“ Und sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein, der wußte, daß er sie zu fodern hatte.

„Nun, ich weiß doch nicht“, meinte der Commerzienrath, und in der Furcht in dem Klappern des Wagens nicht gehört zu werden, schrie er dabei etwas mehr als gerade nöthig gewesen wäre; „ich zum Beispiel leide, nach einer sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im Hintergrunde für mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir große Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat.“

„Ueberdrofi?“ fragte die dicke Frau erstaunt, „wer hat schon in seinem Leben von Ueberdrofi gehört? Was sie jetzt für verrückte Namen für alle Krankheiten haben!“