„Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr Regierungsrath?“ sagte er mit seiner süßen, auf Alles gefaßten Stimme, die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fähig war.

„Regierungsrath?“ Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewußtsein der Kette ist — er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von allen möglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.

„Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?“ schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte, als ob ihm einmal Jemand gesagt, er höre etwas schwer.

„Gute Reise?“ brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48 Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, „glückliche Reise? — bisjetzt war’s eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee gefolgt hätte....“

„In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von mir einzuführen“, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, „er hat eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr — spielt auch ausgezeichnet die Flöte — er wird uns heute Abend etwas vorspielen — er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang — es ist ein prächtiger alter Kauz. — Sie gehen doch bis Bamberg?“

Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg lag, hätte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flöte hörte, denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel ausgenommen, und dann die Flöte noch besonders verhaßt vor allen übrigen. Er fühlte aber auch, daß er hier mit dem jungen hübschen Mädchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine Verwickelung käme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen Rückzug entgehen konnte. Abenteuer — hatte er es dem Doctor nicht vorhergesagt? — da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt, die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der nächsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit und unbelästigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschloß er dabei sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmäßig in die verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist, daß man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt sein lassen und davon profitiren.

Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belästigt zu werden, lehnte er sich in seine Ecke zurück, schloß die Augen und that als ob er fest eingeschlafen wäre.


[7.]
Die Nichte.