„Ja“, hauchte die junge Dame in wirklich tödtlicher Verlegenheit, und der Commerzienrath, der sich eben den Schweiß von der Stirn trocknete und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe beschäftigt, gar nicht darauf gehört hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und dem also auch die letzten Worte gänzlich entgangen waren, erwiderte in aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen undeutlichen Worten, die auch größtentheils das Klappern der Wagen verschlang, versicherte, daß er sich unendlich glücklich schätze seine werthe Bekanntschaft zu machen, und daß er hoffe, wie sie als künftige Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten würden.
Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte, verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem weitern Gespräch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurück. Die Dame in dem papagaigrünen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen — benutzte aber die erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade aufrichtete, ihn mit halb unterdrückter Stimme zu fragen, wer der Mensch da drüben sei und wie er heiße.
Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, daß er der Herr Regierungsrath Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurückgekehrt sei, wohin er im Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.
Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath — und was für Grobheiten hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem König wiedersagte — und also das war der Onkel von der jungen Frau — nicht der Mann? —
Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in nächster Zeit seinen ältesten Bruder, den Referendar Fädchen, einen braven wackern jungen hübschen Mann, der auch vortrefflich Violine spielte. Gott sei Dank, er hatte es nicht nöthig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er selber war Oekonom auf einem Gute in der Nähe von Hochstadt — hatte eine sehr gute Stelle — sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig werden — er führte die ganze Wirthschaft — er spielte auch Klavier, aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.
Der junge Fädchen hatte seinen Kopf soweit als möglich abgebogen, damit die Braut nicht etwa hören sollte, daß von ihrem Bräutigam gesprochen wurde.
„Bester Herr“, flüsterte das junge Mädchen da rasch und heimlich dem ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.
„Bitte tausend mal um Entschuldigung“, murmelte der Commerzienrath, der wahrscheinlich glaubte, daß er sie angestoßen habe. —
„Bester Herr“, wiederholte das arme Mädchen in Todesangst, denn der günstige Moment konnte schon im nächsten Augenblick verflossen sein, „wenn Sie Mitleid mit einem armen Mädchen haben wollen, so widersprechen Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus — sei es auch nur sich in ein anderes Coupé zu setzen — die Verzweiflung und Noth treibt mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen großen Dienst.“
„Hallo!“ dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ängstlich und kummervoll zu ihm aufgehoben war, während in den treuen dunkeln Augen ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hälfte der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, hätte es aber auch nicht übers Herz bringen können, Nein zu ihr zu sagen, was es auch gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht gelassen, denn Herr Fädchen, dem es nicht entgangen war, daß seine künftige Schwägerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei — der alte Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen —, glaubte jetzt für sich selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einfließen zu lassen.