Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurücksank, zeigte sie sich bereit überhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die dahin endeten, daß der unglückliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden für ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station versprechen mußte zurücktelegraphiren zu lassen, daß die verwechselten Schuhe mit dem nächsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg geschickt würden, und außerdem seinen Reisesack öffnete und der dicken Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei mal an den Füßen gehabt und die auf Versuch vollkommen gut paßten, anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu können, den Schaden zu ersetzen. So dreifach entschädigt beruhigte sich die Dame wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer Nachbarinnen auszuschütten und mit den schon benutzten Hausschuhen des Commerzienraths — denen sie verleumderischerweise nachsagte, daß sie ihr zu weit wären — zu scharren.
Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des Coupé auch das junge Mädchen bemerkt und, von dem Anblick seiner übrigen Reisegefährten rasch befriedigt, seinen Blick länger und aufmerksam auf ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber, schon während des Tumults im Coupé, forschender, als er wirklich bekannte Züge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht immer in der niedergebückten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in die Höhe hob und er nun sah, daß er sich nicht getäuscht hatte.
„Wenn ich nicht irre, mein Fräulein“, redete er sie jetzt an, während seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein vis-à-vis ein Kreuzfeuer hinüberdonnerte, „habe ich das Vergnügen Fräulein Redmeier vor mir zu sehen?“
Das junge Mädchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen einige Worte.
„Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat —“, die Frau schrie jetzt so dazwischen, daß er für eine zeitlang den Versuch aufgeben mußte, und erst später, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: „Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern — Karl schrieb uns, daß er unendlich glücklich sei.“
Das junge Mädchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und während sich der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurücklehnte und das Reisen verwünschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und Fährnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in seiner süßen Weise fort: „Sie werden einen braven wackern Mann in ihm finden — und er spielt vortrefflich die Violine. — Gott sei Dank, er hat es nicht nöthig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr angenehme Erholung — er wird Sie auf den Händen tragen.“
Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht bemerkte, sondern in seiner faden süßlichen Weise fortfuhr.
„Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin?“ unterbrach er sich plötzlich, als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; „wie mir Mama geschrieben hat, erwarten sie doch Karl morgen oder übermorgen zu Hause und ich habe mich eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen zu lassen — es ist merkwürdig, wie stark ich in dem letzten Jahre geworden bin; das gute Bier hier kräftigt den Körper ungemein.“
Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:
„Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? — Sie hatten ihn ja wol erwartet?“