Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb, drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen Geschäften nach.
Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand, und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem nächsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten, als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.
Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche Mädchen, seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der nächsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Schöne auf die herzlichste Weise mit „Lieber Onkel“ anredete und ihm mit halbverbissenem Lächeln erzählte, der „Herr“ da — der Gendarm nämlich, habe sie gefragt, wo sie herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen verlangt.
Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche Mädchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, daß er nicht träume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein Zweifel, und die dem anständig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewußtsein zurück.
„Mahlhuber — Commerzienrath Mahlhuber“, sagte er mit einer gewissen Art von Selbstbewußtsein, denn einem königlichen Beamten gegenüber hörte jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu ein verbindliches Lächeln über das breite Gesicht zog.
„Entschuldigen Sie“, sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung, „daß ich Ihr Fräulein Nichte belästigt habe, aber die junge Dame ging dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes Mädchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fräulein Nichte zuließ, zu fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, möglicherweise auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden entschuldigen —“
„Bitte, bitte“, sagte dieser, während er dem dankenden Blick der jungen Fremden begegnete, „aber — das ist ganz hübsch und gut — meine sämmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach Lichtenfels expedirt, und wie krieg’ ich die wieder?“
„Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?“ fragte der Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen zu können.
„Telegraphiren? — Nein — und wann kann ich die Sachen wieder hier haben?“
„Sollen sie hierher zurückgehen?“