„Ja“, sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.

„Jedenfalls mit dem Nachtzuge — erlauben Sie mir, daß ich das für Sie besorge?“

„Mit Vergnügen“, sagte der Commerzienrath, und das junge Mädchen schien während der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben ließ und dann damit in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das Alles besorgt. Die Nachricht, das Gepäck hierher zurückzusenden, war schon in München und der Gendarm seinen Geschäften nachgegangen. Der Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem Platze.

„Aber nun, mein Fräulein“, brach er endlich, indem er sich die Brille abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, „möchte ich Sie doch um Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme —“.

„Zu so großem Dank ich Ihnen verpflichtet bin“, sagte tief erröthend die junge Fremde, „darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht vollen Aufschluß geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen großen Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch bitten, mit mir zum Fluß hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen möchte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen.“

„Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fräulein“, sagte der Commerzienrath, dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu werden, „sowie Sie über den Fluß kommen, sind Sie doch allein, denn ich versichere Sie, daß ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir schon außerdem höchst unangenehme Sache einzulassen — meine Stellung als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir —“.

„Sobald ich das andere Ufer betrete“, unterbrach ihn rasch die junge Dame, „bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung.“

„Verfolgung?“ wiederholte der Commerzienrath ängstlich, dem es überhaupt ein bängliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem sich ein Gendarm erkundigt hatte, „Sie werden doch nicht — nicht irgendetwas — irgendetwas angegeben haben?“

„Nichts Böses“, lächelte das junge Mädchen; ein tiefes Roth stahl sich dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und unschuldsvoll zu ihm auf, daß an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht zu denken war.

„Aber was verlangen Sie denn noch von mir?“ fragte der Commerzienrath, dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und commerzienräthliche Gefühl arbeitete, „was muß ich thun, um sie wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner — irgendeiner unangenehmen Lage zu ziehen?“