„Mich nur an — oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, über den Fluß begleiten — dort hab’ ich Freunde.“

Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam ihm mehr wie ein Märchen vor, das ihm Jemand erzählt hätte und das er glauben konnte oder auch nicht — wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverhältnisse zu einem solchen Schritte getriebene junge Mädchen nicht, und sie jetzt im Stiche lassen wäre fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine schöne Schutzbefohlene — oder wurde vielmehr durch sie geführt — den schmalen Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine halbe Stunde später, in die Restauration zurückkehrte, ließ er sich ein Zimmer mit einem Bett geben, aß etwas, zog sich dann aus und legte sich — nachdem er die Thür vorher sorgfältig verschlossen und verriegelt hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu stören, bis er von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die Hände und war bald sanft und süß eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gelächters einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten — er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.


[8.]
Der Ueberfall.


Reisen — ja, es sollte ihm noch einmal Jemand kommen und ihn auf Reisen schicken wollen, dem wollte er sagen, was er von ihm dächte. — Reisen — alles liederliche Gesindel der Welt trieb sich auf Reisen umher: verkappte Engländer, junge leichtsinnige Mädchen, entsetzliche Frauenzimmer mit Hutschachteln und ohne Ueberschuhe — und was für Geld flog dabei auf die Straße! Lieber Himmel, was hatte er in den zwei Tagen nicht allein an Schadenersatz für Hut und Schachtel, Wagenpolster, Fensterscheiben, Ueberschuhe für Unkosten gehabt, außerdem sein ganzes Gepäck in die Welt hineinfahren lassen, und Telegraphen und Wirthshäuser bezahlt, und wie war er behandelt worden!

Auf die Dorothee war er besonders böse — die mußte ihm jedenfalls das Pistol geladen haben — und dann das entsetzliche Frauenzimmer mit dem papagaigrünen Hute mit den zum Fenster hinausgeworfenen Schuhen. — Kein Wunder, daß der Commerzienrath Mahlhuber eine ganze Weile in dem sonst nicht schlechten Bette lag und vergebens einzuschlafen versuchte. Auch die Leber fing ihn wieder an zu drücken, und die operirte Balggeschwulst preßte er solange, bis sie ihn ebenfalls schmerzte.

Reisen — Handwerksburschen reisten und hatten einen Zweck dabei; Postillone reisten, weil sie dafür bezahlt wurden, sie wußten auch wohin sie wollten und trieben sich nicht unnützerweise in Gegenden umher, in die sie nicht gehörten. Aber er, was hatte er, der Commerzienrath Mahlhuber aus Gidelsbach, hier in Lichtenfels im Hirsch zu suchen? Weshalb war er hier, was trieb er hier und was sollte ihm eine solche Reise nützen? Seine Leber verringern? Er hätte darauf schwören mögen, daß sie seit den letzten 24 Stunden um 1½ Zoll gewachsen war, sie stieß ihn jetzt auch an die Rückenwirbel an, und in die Narbe der operirten Geschwulst hatte sich wahrscheinlich die gestern geholte Erkältung gezogen, denn sie brannte ihm wie Feuer. Und der junge Pudel — heiliger Gott, wenn er an den jungen winselnden Satan dachte, lief es ihm noch jetzt eiskalt den Rücken hinunter.