„Ich soll mit dem Fremden in einem Zimmer schlafen?“
„Nur für die eine Nacht, bester Herr Commerzienrath; es ist Sie ein ganz anständiger Herr und ein guter Freund von mir.“
„Aber zum Teufel, Herr, warum nehmen Sie ihn da nicht in Ihr Zimmer?“ fragte der Commerzienrath in nicht unrichtiger Folgerung.
„Bester Herr Commerzienrath, ich habe eine Frau und vier Würmer darin“, entschuldigte sich der Wirth, ihm dabei wie besänftigend an der Schulter herunterstreichend, „Alles was recht ist —“
„Frau und vier Kinder in Einem Zimmer“, sagte der Commerzienrath kopfschüttelnd, „doch was geht das mich an? Ich habe von Ihnen das Zimmer heute Nachmittag für mich allein gemiethet und bin willens Ihnen dasselbe Geld dafür zu zahlen, das Sie von Beiden fodern können; schaffen Sie mir nur den fremden Menschen da hinaus; ich kann nicht zu Zweien in Einem Zimmer schlafen, es widerstreitet meiner Natur.“
„Sind Sie verheirathet?“ fragte der Wirth.
„Nein — wie so?“
„Nun, ich meinte nur — aber ich kann doch den Herrn da nicht wieder hinauswerfen, verehrter Herr Commerzienrath“, klagte der Wirth, „und in der ganzen Stadt ist kein Platz mehr zu haben. Ich weiß Sie sind in Ihrem vollen Rechte, Sie können das Zimmer für sich allein verlangen, und wenn Sie es durchaus wollen, muß der andere Herr hinaus, aber Sie glauben gar nicht was Sie mir für eine Freundschaft erweisen, wenn Sie ihn darin behielten. In ein anderes Zimmer kann ich ihn schon gar nicht mehr stecken, denn in keinem liegen unter Vier und Fünf, in manchem noch mehr, das war das einzige leere Bett, und so ein lieber Mensch.“ — Und nun erging sich der beredte Wirth in einer Masse von Bitten und Beschwörungen und Schilderungen des liebenswürdigen Schlafkameraden, den er bekommen hätte, daß der gutmüthige Commerzienrath, der überhaupt kaum einem Menschen in der Welt eine Bitte abschlagen konnte, endlich einwilligte und seufzend mit dem Licht wieder umdrehte nach Nummer 7 zu.
Dort angekommen, klopfte er höflich an die Thür, und auf das mürrische „Herein“ seines aufgedrungenen Stubengenossen trat er mit einem schüchternen „Guten Abend — Sie entschuldigen“ in sein eigenes Zimmer.
Zu seiner wirklichen Entschuldigung muß ich dem Leser nochmals bemerken, daß er ein deutscher Commerzienrath war.