„Wenigstens nicht solange das Licht brennt.“

„Da wären Sie vielleicht nicht abgeneigt“, fuhr der Doctor, ohne auf den Einwand zu hören, fort, „mir Ihre Hülfe in einer sehr schwierigen Sache angedeihen zu lassen.“

„Meine Hülfe?“ sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette emporrichtend, „mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen, hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, daß ich —“

„Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath“, sagte der Doctor, ohne auf die Einsprache weiter Rücksicht zu nehmen. „Sie sollen nicht die geringste Verantwortlichkeit dabei übernehmen, Ihr Name wird nicht einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wünschte ich, denn ich habe es schon oft gefunden, daß das Urtheil eines vollkommen unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das Rechte trifft, während wir armen Sterblichen uns umsonst abmühen, ein glückliches befriedigendes Resultat auf irgendeine künstliche Weise herbeizuführen. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen —“

„Leben und Tod?“ rief der Commerzienrath erschreckt. —

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht“, sagte der Doctor, die Hand dabei gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber begeistertem Tone fortfahrend, „der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter Frömmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Töchter verführt, sich in Geschäfte gedrängt und die Firmen ruinirt, sich an Reiche gehängt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste, und ich weiß noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen, und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem zu entziehen gewußt, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an ihm bieten konnte —“

„Das muß ja ein ausgefeimter Schurke sein“, rief der Commerzienrath, halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke zurückziehen zu können und die Unterhaltung damit für heute abgebrochen zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbürgerlicher Entrüstung über ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und Elend in der Welt säete, und nun noch dazu von der weltlichen Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfaßt und zermalmt werden konnte.

„Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen?“ sagte der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath werfend, „wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil zu fällen. Ich fürchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine furchtbare Seuche oder etwas Derartiges über den Menschen schicken müssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm beizukommen ist — das letzte Verbrechen müßte denn klar bewiesen werden und gegen ihn zeugen.“

„Aber ich sollte doch denken die Polizei müsse da im Stande sein ihn zu überführen?“ rief der Commerzienrath, „wofür ist sie denn da?“

„Sie werfen da eine schwierige Frage auf“, lächelte der Doctor, „aber Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten gehört haben.“