„Das war der Sheriff —“
„Möglich — jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für ihn, denn der muß ihn selber hängen — wenn noch Gerechtigkeit in Californien ist — und sie tranken Wein und aßen und kümmerten sich den Henker um die anderen Gäste. Ich hatte Zeit genug ihn zu beobachten, ohne daß er irgend etwas merken konnte; ich brauchte aber auch nicht lange dazu. Das zurückstehende Kinn störte mich Anfangs auch, und ich glaubte schon, Du hättest Dich doch vielleicht geirrt; wie ich ihn aber lachen hörte, war ich meiner Sache ebenfalls sicher. — Da — hier wohnt Collins. Das ist sein Zelt.“
Sie fanden den jungen Amerikaner, der sich hier — nachdem er das Goldwaschen eine Weile mit nur sehr mittelmäßigem Erfolg versucht, als Händler niedergelassen hatte. Er war selber allerdings ein wenig über die Entdeckung erstaunt, hörte aber vollkommen ruhig ihre Erzählung an, lächelte dabei nur still vor sich hin, und nickte manchmal mit dem Kopf dazu, unterbrach aber die Erzähler, die sich wechselsweise ergänzten, mit keiner Sylbe. Nur als Hudson ausrief, er wolle jetzt augenblicklich selber nach San Francisco, um einen Verhaftsbefehl für den mexikanischen Räuber und Mörder auszuwirken, sagte er ruhig:
„Und glauben Sie wirklich, Freund, daß Sie den dort bekommen würden?“
„Nicht bekommen?“ rief Hudson — „amerikanische Gerichte werden doch bei Gott einen solchen Schurken nicht beschützen, der amerikanisches Blut vergossen hat?“
„Bah,“ sagte Collins ruhig, „Sie kennen Californien nicht, denn wir leben hier vor der Hand noch in einem vollständigen Ausnahmszustand. Was haben wir denn für Behörden? nicht etwa von den Vereinigten Staaten herüber gesandte, sondern lauter Leute, die hier hergekommen sind, um Gold zu graben — wie ich selber auch — und die, als das nicht ging, sich auf etwas Anderes warfen, um Geld zu verdienen. Den Beweis finden wir ja in San Francisco selber, wo Raub und Mord an der Tagesordnung sind, und die Verbrecher, wenn man sie wirklich einmal einfängt, doch immer ungestraft davon kommen. Es kocht und gährt auch schon in der Bevölkerung, und es wird fast offen davon gesprochen, das Gericht in eigene Hand zu nehmen und das Lynchgesetz gegen alle ertappten Diebe und Mörder anzuwenden. Wäre das jetzt wirklich der Fall, so hätten wir die Hoffnung, etwas auszurichten, denn wir könnten an das Volk appelliren. Wie die Sachen aber gegenwärtig stehn, so mögen Sie einen Proceß gegen den Richter anstrengen, ja, und der dauert denn auch wahrscheinlich so lange, bis wir andere Zustände bekommen, aber weiter richten Sie Nichts aus.“
„Das ist ja ganz unmöglich!“
„Unmöglich ist hier gar Nichts,“ sagte der Advokat achselzuckend. „Ja, wäre der Ueberfall auf amerikanischem Grund und Boden geschehen, so könnte man doch vielleicht auf einen Erfolg rechnen — aber in Mexiko — beweisen Sie diesem, mit allen Hunden gehetzten Mr. Black oder Mr. Brown einmal, daß er überhaupt je in Mexiko war, und zehn gegen eins, er bringt Ihnen fünf, sechs Zeugen, die Ihnen Alle mit der größten Bereitwilligkeit vor Gericht schwören, daß sie ihn hier schon zwei volle Jahre in Californien gekannt haben, und daß er in der ganzen Zeit das Land mit keinem Fuß verlassen hat. Außerdem ist dieser Mr. Black, dem ich persönlich zutraue, was Sie mir von ihm erzählt, hier in Ludville eine renommirte Persönlichkeit und gerade mit allen Rowdies — dem nichtswürdigsten Gesindel der Staaten, den Spielern, eng befreundet. Er spielt selber ziemlich stark und soll — doch das ist nicht verbürgt, wird aber hier erzählt, früher sogar ein professionirter Spieler gewesen sein und in San Francisco im Anfang Bank gelegt und einen Tisch gehalten haben. Der Sheriff steckt mit ihm ebenfalls unter einer Decke und wir würden da in ein Wespennest hineinstören, aus dem wir nicht wieder ungestochen zurückkämen.“
„Aber es ist doch nicht denkbar, daß solche Zustände unter dem Sternenbanner stattfinden könnten!“ rief Hudson.
„Denkbar ist hier Alles,“ sagte der junge Händler achselzuckend. — „Daß es mit der Zeit — vielleicht sogar sehr bald — besser werden wird, bezweifle ich keinen Augenblick, aber schon die Existenz der Spielhöllen, die in den Staaten bei Zuchthausstrafe verboten sind, beweist Ihnen, wie geringe Macht die oberste Behörde hier noch ausübt, denn sie darf nicht wagen, sie aufzuheben. Die Rowdies würden Sheriff und Constabler sonst massacriren, und besonders hier in Ludville hat diese Bande so überhand genommen, daß wir bald nicht einmal mehr unseres Lebens sicher sind. Da — seht Ihr dort das Kugelloch in meiner Zeltwand, gerade über meinem Bett? das haben sie mir gestern Nacht bei einer Straßenrauferei hindurch geblasen, als ich dort lag und schlief. Wenn der Lump, der den Revolver abfeuerte, einen halben Fuß niedriger hielt, schoß er mich in meinem eigenen Bette todt.“