Allerdings sammelten sich indessen noch eine Anzahl ruhiger Miner um die Gruppe und frugen auch wohl, was die Beiden, die man schon längere Zeit als friedliche Leute kannte, verbrochen hätten. Der Sheriff ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen ein. Es waren ein paar schwere Verbrecher, die man noch eben ertappt hatte, als sie Californien verlassen wollten. — Das Uebrige würde die Untersuchung herausstellen, und damit führte er seine beiden Gefangenen zu einem kleinen, engen Blockhaus, das besonders als Gefängniß gebaut war und gar keine Fenster, ja auch eigentlich nicht einmal eine ordentliche Thür, sondern nur ein Loch hatte, durch welches sie hineinkriechen mußten, während draußen ein Balken vorgelegt und mit einer Kette befestigt wurde. Außerdem kamen noch zwei Mann, die der Sheriff schon bereit hatte, als Wache davor und erhielten den laut ertheilten Auftrag, bei einem Fluchtversuch der Gefangenen ohne Weiteres auf sie zu schießen.
Daß man den Beiden vorher ihre Waffen und was sie sonst an Geld und Papieren bei sich trugen, abgenommen hatte, versteht sich von selbst. Der Sheriff that Nichts halb. Uebrigens lag es gar nicht in seiner Absicht, ein Geheimniß aus der Sache zu machen, und wie er nur die beiden Gefangenen erst einmal sicher hatte, erzählte er auch Jedem, der es wissen wollte, daß es ein paar gefährliche Verbrecher und wahrscheinlich zwei von der nämlichen Bande wären, die seit einiger Zeit die benachbarte Gegend unsicher machten, und erst ganz kürzlich den Postboten erschlagen und beraubt hätten. Klage sollten aber zwei amerikanische Bürger erhoben haben, die neulich, in der Gegend der Calaveres-Minen, von ihnen angefallen, verwundet und beraubt wären. Sogar unter dem Gold, das der Eine von ihnen heute dem Richter bezahlt, hätten sich, wie der Sheriff betheuerte, ein paar leicht kenntliche Stücken gefunden, auf die Jene bereit wären zu schwören, daß sie früher ihr Eigenthum gewesen und ihnen an jenem Tage abgenommen wären. Geschah das aber wirklich, so stand es mit den Beiden schlimm. Ludville hatte allerdings keine Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, aber wohl der benachbarte Platz Eltonville, und dort wurden, wie die letzte Zeit gelehrt, verwünscht wenig Umstände gemacht. Es war dort kein Eingeständniß der Verbrecher nöthig, sondern nur sogenannte circumstantial proofs, oder überzeugende Beweise.
Nun kannte man allerdings in Ludville die beiden Verhafteten oberflächlich, denn sie hatten früher oft mit ihren Wagen Fracht in die Minen gebracht, sich aber nie lange da aufgehalten und auch mit wenig Menschen verkehrt. Außerdem wechselte die Bevölkerung solcher Minenstädte ununterbrochen, denn während ein Theil der dorthin Gezogenen seine Hoffnungen nicht realisirt fand und weiter wanderte, trafen Andere wieder ein, die, durch glänzende Berichte der dabei interessirten Händler angelockt, ihr Glück dort versuchen wollten. Außerdem waren in der That in letzter Zeit verschiedene Mordthaten vorgefallen, und die Leute erbittert genug auf das heimliche Raubgesindel, der Verdacht hatte nur bis jetzt vor anderer Thür gelegen, und war meistens auf Mexikaner und sogenannte „Sydney coves“ oder aus Australien eingewanderte Verbrecher gefallen. Daß sich Amerikaner dabei betheiligt haben sollten, gefiel den Leuten nicht: war es aber wirklich der Fall, ei, dann mußten sie auch ihre Strafe leiden, so gut als Fremde, man konnte sich ja sonst nicht einmal seines eigenen Lebens sicher fühlen.
Unter den Goldwäschern befand sich übrigens Einer, ein Kentuckier, der früher einmal mit Carman gearbeitet und ihn die ganze Zeit nicht wieder getroffen hatte, bis er Zeuge der Verhaftung wurde und nun kopfschüttelnd, die Hände in den Taschen, die Straße hinabschlenderte, um sich bei Collins, wo er gewöhnlich seinen Bedarf holte, frischen Kautaback zu kaufen.
„Hol’ mich dieser und Jener, Collins,“ sagte er dabei, während der junge Mann ihm das verlangte Stück abwog — „man weiß jetzt bei Gott nicht mehr, wem man trauen soll; es giebt doch zu viel schlechte Menschen in der Welt, und hier in dem verbrannten Californien werden nachher auch noch die Besten schlecht. Das Gold hat den reinen Teufel im Leibe.“
„Werdet Ihr heute Morgen moralisch, Mills,“ lachte Collins, der diese Eigenschaft an dem sonst ziemlich rohen Gesellen noch gar nicht kannte.
„Ach was, hol’s der Teufel,“ brummte der Kentuckier, indem er sich ein gewaltiges Stück Kautaback abschnitt und in den Mund schob, „da haben sie eben wieder einen Burschen verhaftet, mit dem ich drei Monat zusammen am Stanislaus gearbeitet, und er war immer ein braver, ordentlicher Kerl. Nachher ging ich nach dem Jackaßgulch hinüber und er fing mit Anderen an, und nun höre ich eben, daß er und sein Kamerad drüben an der Fork einen Amerikaner im Wald angefallen und beraubt haben.“
„Alle Wetter, wen denn?“
„Ach, auch einen Kerl, von dem ich lieber wollte, daß er ein Indianer als ein Amerikaner wäre; einen von den verdammten Spielern, denselben Hund, der meinem Bruder einmal sein ganzes ausgegrabenes Gold abgenommen hat — aber doch bei Beleuchtung und mit Karten, und nicht im Wald mit der Pistole. Wahrscheinlich haben die’s an ihn auch verloren, und sich’s auf die Art wieder holen wollen; aber von Carman hätt’ ich das in meinem Leben nicht geglaubt.“