„Diese Burg wurde schon im Jahr 1252 vom Städtebund zerstört, 1261 von Philipp von Hohenfels wieder erbaut, der sie zum zweiten Mal zu einem Raubschloß machte. Kaiser Rudolph von Habsburg eroberte sie wieder und ließ den Raubritter mit seinen Spießgesellen hinrichten, 1282 die Burg aber zerstören.“

Wundervoll! in jenem Steinhaufen lag ein ganzer Roman, und Elisabeth sah im Geist, wie die hellen Heerhaufen des Kaisers mit schmetternden Hörnern und fliegenden Bannern gegen das trotzige Raubnest anstürmten — wie Steine und siedendes Pech von den Wällen gegossen wurde, wie die Donnerbüchsen krachten, und der rothe Hahn endlich vom Dach der Burg emporloderte. Und jetzt fiel die Zugbrücke — jetzt stürmten die Angreifer über den schmalen Gang oder kletterten an den zertrümmerten Wällen empor, und wie die Harnische da im Einzelkampf rasselten und die Morgensterne niederschmetterten, was sie mit ihrer furchtbaren Stachelwucht erreichten. Hu! Elisabeth barg schaudernd ihr Antlitz in den Händen, als sie die heraufbeschworenen Greuel so lebhaft vor ihren Augen schaute.

„Speisen Sie mit an der table d’hôte?“ — Die Frage des höflichen Kellners, der, eine Serviette unter dem Arm, ein Notizbuch in der Hand und einen gespitzten Bleistift schon im Voraus mit den Lippen feuchtend vor ihr stand, rief sie aus dem Gemetzel der wilden geharnischten Schaaren rasch in die befrackte nüchterne Wirklichkeit zurück, und unwillkürlich lächelnd — denn das Bild des vor ihr stehenden Jünglings mit den sorgfältig gescheitelten Haaren inmitten seines Hauptes stach doch zu sehr gegen die kernhaften Eisenmänner ab, die sie eben noch im Geist geschaut — wies sie ihn an ihren Vater.

„Die Lorelei“, tönte es da von vielen Lippen, als der alte mächtige Felsen jetzt vor dem Bug des Dampfers auftauchte, und die Salonpassagiere bewegten sich langsam nach vorn, da die Sonnenzelte an den Seiten, der gedeckten Tische wegen, niedergelassen waren und vom Quarterdeck ab die Aussicht versperrten.

Auf dem Vorderdeck standen jetzt die Passagiere dicht gedrängt und Alle schauten schweigend zu dem kahlen Felskegel auf, dem eine unserer schönsten deutschen Sagen Leben, Heinrich Heine diesem Leben Worte und Schubert und Silcher ihnen einen Klang verliehen hat, der so lange bestehen wird, wie der Felsen selber.

Da erheben sich plötzlich zwei Männerstimmen zu dem Loreleyliede und möglich, daß in diesem Augenblick die ganze Zahl der Passagiere andachtsvoll in die Melodie eingefallen wäre — denn sie schwebte ohnedieß auf jeder Lippe, hätten die Persönlichkeiten selber nur ein klein wenig zu dem Sang und seinen duftigen Worten gepaßt. Als sich aber Aller Blicke der Richtung zuwandten, sahen sie, daß der solcher Art improvisirte Gesang von einem katholischen Geistlichen in einem etwas sehr abgetragenen schwarzen langen Rock und einem anderen in Laientracht gekleideten Individuum herrührten, das seinen Bart jedenfalls noch vom vorigen Sonntag her trug — und sein Hemd ebenfalls. Diese beiden Männer sangen, der Loreley in die Zähne, das Heine’sche Lied — aber nur die ersten Strophen

„Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein“ —

Damit brach der Gesang plötzlich ab, und eine etwas boshafte Stimme frug ziemlich laut: