Gleich auf der ersten Station der Eisenbahn hatte er sein Billet verloren, ließ auf der zweiten, als er ein anderes lösen mußte, seinen Regenschirm am Schalter stehen und wäre, als er danach zurücklaufen wollte, während die Locomotive schon pfiff, heilig sitzen geblieben, wenn ihn der Conducteur nicht mit zwei Pferdekraft gewaltsam in den Wagen geschoben hätte. Dort setzte er sich dann, als der Zug plötzlich anrückte, auf den Hut seiner Nachbarin und die eigene Brille und ruinirte beide gründlich.

Auf der vierten Station hatte er ein anderes Malheur. Sie passirten ein ihm befreundetes Städtchen, in dem er eigentlich seine juristische Laufbahn begonnen und er bog sich aus dem Wagen, um es besser sehen zu können. Da brauste der Zug plötzlich unter einer Brücke durch und rasch zurückfahrend blieb er mit dem Strohhut außen hängen, der im Nu über die Bahn hinauswehte; kurz er hatte sich in Zeit von anderthalb Stunden mehr Schaden zugefügt, wie daheim in einem ganzen Jahr. Es half auch Nichts, Elisabeth mußte Billete, Gepäckschein, Hutschachtel und Reisesack — d. h. die Ueberbleibsel des noch vorhandenen Eigenthums übernehmen und von da an verwalten, eher kam ihr Vater, der sich in eine außerordentliche Aufregung hineingearbeitet hatte, nicht zu Ruhe.

Ihr nächstes Ziel war Bonn. Dort hatte der Vater lange gelebt, ein alter Universitätsfreund von ihm, Professor Perler, besaß unfern der Stadt und unmittelbar am Rhein eine kleine reizende Villa, und die Einladung für den Justizrath und seine beiden Töchter, in dessen Familie eine Zeitlang zuzubringen, datirte schon seit Jahren und war, wie das gewöhnlich mit derartigen Plänen geht, immer und immer wieder aufgeschoben, aber endlich doch zur Wahrheit geworden, und besonders der Mädchen Freude überstieg alle Grenzen.

Schon der erste Aufenthalt im Gasthof in Frankfurt war ein Genuß für sie — wie wir es denn überhaupt sehr häufig finden, daß Damen leidenschaftlich ein Wohnen und Essen im Hotel lieben — vielleicht auch schon deßhalb, weil es sie für eine Zeit wenigstens aller häuslichen Pflichten gründlich überhebt. Und nun erst am anderen Morgen diese Seligkeit, als sie durch das sonnige, herrliche Land, durch Weingärten und freundliche Villen dem Rhein entgegen brausten, und kaum eine Stunde später, mit den geheimnißvollen rothen Thürmen, der Bundesstadt Mainz gegenüber, auf einem wirklichen Dampfboot fahren durften.

Vergessen waren da all’ die trüben Stunden, die sie durchlebt, vergessen Alles, was außer dem engen Kreis lag, der sie umgab, und mit Lust und Wonne genossen sie, wie wahrhaft glückliche Menschen, nur den Augenblick.

Welch’ eigenes Leben das am Bord eines solchen Dampfers war und wie das an Leben und Bewegung wuchs, je weiter sie fuhren. In Castel befanden sich nur erst wenige Passagiere an Bord, und die wenigen, da der Morgenwind ziemlich frisch über den Strom wehte, tranken heißen Kaffee und gingen, in ihre Plaids gehüllt, an Deck auf und ab — aber jede Station brachte neue Zufuhr. Schon in Biberich trafen eine Anzahl Passagiere ein und immer mehr in Geisenheim, Rüdesheim, Asmannshausen und wie die Namen alle hießen, die ihnen schon so bekannt aus Vaters Keller tönten. — Und dazwischen die prächtigen alten Ritterburgen mit ihren zerfallenen Mauern und hohläugigen Fenstern, mit ihren Erinnerungen und Sagen.

Elisabeth besonders schweifte mit ihren Gedanken weit, weit zurück zu jener Zeit. — Was würde solch’ ein alter Ritter, den wir uns daheim statt im Schlafrock nur im Harnisch mit dem Helm neben und einem tüchtigen Humpen Rüdesheimer Ausbruch vor sich denken können, wohl gesagt haben, wenn ihm der auf jenem verfallenen Wartthurm stationirte Lugaus plötzlich gemeldet hätte, ein Dampfboot käme den Strom herabgefahren? Hei, wie wäre er in seiner Rüstung emporgerasselt und mit klirrenden Sporen die steinerne Treppe hinabgeeilt, um sich unten auf das stets bereit stehende Schlachtroß zu schwingen.

Und die zarten Burgfräulein aus jener Zeit! — An dem Fenster dort oben, das jetzt nur noch zur Hälfte in der heruntergebrochenen Mauer hängt, hatte gewiß oft und oft die züchtige Maid, den Schlüsselbund an der Seite, die Spindel in der Hand, gestanden und nach jener anderen Ruine hinübergeschmachtet, in deren hellen Fenstern damals noch — wenn auch jetzt Eulen und Raben darin nisten — die Sonnenstrahlen blitzten, und wo jedenfalls der Auserkorene wohnte, mit dem ihr unerbittlicher Vater leider in bitterer Fehde begriffen war.

Und dort drüben Falkenburg. — Ihr kleines Handbuch sagte: