Nun kamen allerdings die backwoodsmen dann und wann bei besonderen Gelegenheiten zusammen, und es konnte nicht fehlen, daß ein oder der Andere, bei welchem Martin gearbeitet, ihm da oder dort wieder begegnete. Sagte er ihm nachher: „Aber Martin, Ihr seid ja weggelaufen ohne Euren Lohn zu nehmen; so kommt doch herüber und holt ihn,“ so erwiderte er stets: „Ja wohl Mr. — ich komme in der nächsten Zeit;“ aber man sah es ihm an, daß ihm selbst die Erwähnung der gethanen Arbeit unangenehm war, und er dachte außerdem gar nicht daran, den verlassenen Platz je wieder zu betreten.
So hatte er es mehrere Jahre getrieben und indessen an zahlreichen Stellen gearbeitet, ohne auch nur einen Cent Lohn dafür erhalten zu haben. Nur wenn er an Kleidern und Schuhwerk entschieden abgerissen war, ließ er sich einzelne nöthige Stücke auf Abschlag geben. Ohne Geld kam er übrigens zu jener Zeit und in jenem Distrikt vollkommen gut aus, denn wirkliche Münze besaß Niemand, und die meisten Verpflichtungen wurden nur durch Tausch erledigt. Nur Fremde, welche das Land durchzogen und an der großen County-Straße übernachteten, brachten baar Geld mit.
Daß sich die Jäger und Ansiedler anfangs die wunderlichsten Gedanken über Martin’s so außergewöhnliches Betragen machten, ist natürlich, und man vermuthete sogar einmal eine Zeitlang, er müsse irgend ein schweres Verbrechen in irgend einem Staat begangen haben, und dann flüchtig geworden sein. Nach und nach aber, als sie vertrauter mit ihm wurden, sahen sie das Grundlose eines solchen Verdachts ein, und Martin machte auch nicht den geringsten Hehl aus den Orten, wo er sich früher aufgehalten, ja nannte besonders Illinois als sein Heimathland. Nur über seine eigene Familie gab er keine Auskunft, und es stellte sich auch bald heraus, daß „Martin“ eigentlich nur sein Vorname sei, bei dem er sich hier nennen ließ. So konnte es denn nicht fehlen, daß ihn die jungen Burschen bald anfingen zu necken, und da er nichts weniger als hübsch war, lachten sie oft zusammen und meinten, er sei nur aus seiner Heimath fortgelaufen, weil sich die jungen Mädchen so um ihn gerissen hätten, daß er seines Lebens nicht mehr froh geworden wäre.
Andere machten ihm wieder den Vorschlag, — besonders wenn bei irgend einer Gelegenheit eine größere Zahl versammelt war, daß er doch heirathen und sich bei ihnen häuslich niederlassen sollte, und das Kapitel schien für ihn das unangenehmste von allen, ja er konnte sogar, wenn sie es zu weit trieben, böse darüber werden.
In Arkansas hielt sich damals ein junger Bursch auf, ein Virginier von Geburt, mit Namen George Willis, der eigentlich diesen Staat besuchte, um sich einen Platz zur Uebersiedlung auszuwählen, und nur weit länger als es seine Absicht gewesen, bei uns in der Niederung — den sogenannten Sümpfen blieb, weil wir da so vortreffliche Jagd hatten. Durch seinen Humor und oft schlagenden, wenn auch nicht selten boshaften Witz, war er dabei rasch der Liebling Aller geworden, und nur Martin konnte sich nicht recht mit ihm befreunden, und ging ihm am liebsten aus dem Weg, ja hatte sogar einmal eine Farm verlassen, weil er dort ebenfalls seinen Aufenthalt nahm. Willis war aber selber nicht lange dort geblieben, sondern auf einem seiner Streifzüge zu uns herübergekommen und traf da nun wieder mit Martin zusammen, dessen Eigenheiten er schon kannte und sich oft darüber amüsirte.
Wir hatten einen Jagdzug gemacht, um einen Bären aufzuspüren, der anfing, den Schweinen nachzugehn, denn die Eichelmast war in dem Jahr nicht besonders ausgefallen. Der alte Bursche schien aber ein anderes Revier aufgesucht zu haben oder gerade nicht zu Hause zu sein. Wir fanden wohl sein Bett und hetzten mit den Hunden, konnten ihn aber selber nirgends aufspüren, und lagerten endlich an einem kleinen Hügel, um unsere Pferde weiden zu lassen und uns selber ein wenig auszuruhen.
Martin schloß sich solchen Expeditionen nie an; er war selber kein Jäger und hatte uns oft versichert, er habe noch nie in seinem Leben eine Büchse abgedrückt. Sehr natürlich kam aber das Gespräch, als wir da so lagerten und mitsammen plauderten, auch auf ihn und sein wunderliches Benehmen in der Ansiedlung, und Willis rief plötzlich, als wir auf dies und jenes riethen, was ihn dazu bewogen haben könnte und sein ganzes Wesen vielleicht ziemlich richtig einer geistigen Störung zuschrieben:
„Boys, ich will Euch was sagen: hol’ mich dieser und jener, wenn ich nicht glaube, der ist daheim seiner Frau ausgekniffen und zieht jetzt nur so in der Welt herum, weil er Angst hat, daß sie ihn wieder auffindet.“
Wir lachten; Willis aber, den Gedanken weiter verfolgend, fuhr auf: „Was ist denn auch natürlicher! Ihr wißt doch Alle, wie er es hier macht; gut! das nämliche hat er zu Hause gethan. Wie er nun daheim geheirathet und wie ein Pferd gearbeitet hatte, um seinen Hausstand ordentlich einzurichten und seine Felder klar zu haben, lief er, sobald er damit fertig war, in der verrückten Idee davon, daß er dafür bezahlt werden sollte, denn vor Geld hat er eine Heidenangst und wird blaß, sowie man es nur erwähnt. Meinen Hals wollt’ ich deßhalb verwetten, daß er seiner Frau ebenso davon gerannt ist, wie allen denen hier, bei denen er sich eine Zeit lang eingeheimst.“
Es wurde jetzt viel darüber gelacht, und die Idee ausgearbeitet, und die Folge davon war, daß sich von der Zeit an das Gerücht in den Ansiedlungen verbreitete, Martin sei seiner Frau daheim fortgelaufen. Besonders die Frauen und jungen Mädchen faßten das auch mit Begierde auf, und wie das mit allen solchen Gerüchten geht, Jeder thut sein Theil dazu, so daß man nach einiger Zeit schon genau wußte, wie sie geheißen und wo sie gewohnt habe, und jetzt mit einem Kind, einem prächtigen kleinen Jungen, verlassen in Illinois sitze und den verlorenen oder abhanden gekommenen Gatten beweine.