Willis schloß die ganze Nacht kein Auge, denn hätte jener unglückselige Mensch, den er selber schon stets verspottet und lächerlich gemacht, die Wahrheit gesprochen, so blieb ihm kein anderer Ausweg, als nicht allein sein freundliches Besitzthum zu verlassen, sondern sogar augenblicklich in einen anderen Staat zu ziehen, ja förmlich zu flüchten, um nur all dem Hohn und der Schadenfreude zu entgehen, die er schon über sich hereinbrechen sah. Wie hätten sich die Nachbarn über ihn lustig gemacht — und besonders der alte, überdies so spottlustige Warner, den er gestern noch in sein Vertrauen gezogen — es war zum Verzweifeln, wenn er nur daran dachte.
So warf er sich, bis der Morgen graute, auf seinem Lager umher, und stand dann auf, nahm seine Büchse und lief in den Wald hinein — aber er schoß Nichts. Zweimal stand ihm ein Hirsch breit und voll im Weg — er sah ihn nicht eher, bis er mit langen Sätzen im Dickicht verschwand; ein alter Truthahn gobler kullerte gar nicht weit von ihm entfernt, hoch oben in einem dürren Kieferbaum, und schien ihn wie zum Schuß einzuladen — er hörte ihn gar nicht, und schritt träumend selbst unter dem Baum hinweg, bis der Vogel mit schwerem Flügelschlag über ihm abstrich. Aber der Gang in der frischen Morgenluft that ihm wohl, und kühlte sein kochendes Blut ab, so daß er wenigstens besonnener nach Hause zurückkehrte, und jetzt beschloß, die Sache, wie sie auch ausfallen möge, ruhig mit seiner Schwägerin zu besprechen. Allerdings zweifelte er, nachdem er sich Alles hin und wieder überlegt, keinen Augenblick mehr daran, daß jener Mann — Martin oder John Hendriks, wie er nun auch hieße, die Wahrheit gesprochen. Die wirkliche, unverstellte Ohnmacht, der sonst nichts weniger als nervenschwachen Frau, mit dem, was er nun von ihrem früheren Leben gehört, brachten die unangenehme Thatsache fast zur Gewißheit — aber es ließ sich — den Nachbarn gegenüber, auch noch drehen. Er konnte ja um das Ganze gewußt, und die Beiden absichtlich wieder zusammengeführt haben. War er es denn nicht auch gewesen, der zuerst erzählt, daß Martin seiner Frau in Illinois davongelaufen wäre? Nun gut; die Beiden vereinigten sich jetzt wieder und zogen dann von hier fort — hier durften sie natürlich nicht bleiben, und einmal aus Sicht erst, und die ganze Sache war vergessen.
Wenn er aber geglaubt hatte, ein ernstes Wort mit seiner Schwägerin reden zu können, so sah er sich darin vollkommen getäuscht, denn die beiden Frauen, die er, als er das Haus betrat, schon beim Frühstück traf, empfingen ihn mit lautem Lachen, und „Mrs. Fanny“ rief ihm entgegen:
„George, Du bist göttlich! Betsy erzählt mir eben, daß Du mich im wirklichen Verdacht hättest, die Frau jenes kahlköpfigen Burschen zu sein. Was um Gotteswillen ist Dir denn nur eingefallen?“
Willis sah erst seine Schwägerin — allerdings überrascht von der Anrede — und dann seine Frau an, und wußte in der That nicht gleich, was er darauf erwiedern solle. Er erwiederte auch für den Augenblick gar Nichts, drehte sich um, legte seine Büchse auf die über der Thür angebrachten und dazu bestimmten Pflöcke, hing die Kugeltasche links an einen bestimmten Nagel, warf seinen Hut, ziemlich rücksichtslos, in die Ecke, nahm sich einen Stuhl zum Tisch, auf den er sich rittlings setzte und die Arme auf die Lehne stützte, und sagte dann vollkommen ruhig:
„So? — und weßhalb sind Sie gestern in Ohnmacht gefallen, Mrs. Fanny, wenn ich fragen darf?“
„Weßhalb ich in Ohnmacht gefallen bin?“ rief die junge Frau, und sah ihre Schwester erstaunt an — „nun bitt’ ich Dich um Gotteswillen, Betsy, haben wir das denn nicht gestern Morgen auf das Ausführlichste hier an der nämlichen Stelle besprochen? — hast Du mich nicht so lange selber darum gequält, George, bis ich meine Einwilligung dazu gab?“
„Und so natürlich haben Sie Ihre Rolle gespielt, daß Sie ganz blaß dabei wurden.“
„Jetzt macht er mir Vorwürfe, daß ich zu natürlich gespielt habe,“ lachte die junge Frau, aber so heiter, so unbefangen, George wußte gar nicht mehr, was er davon denken sollte.