So verging reichlich ein halbes Jahr. Von Martin hatte man in der ganzen Nachbarschaft keinen Schatten wieder gesehen, auch Nichts von ihm gehört, als einmal ein alter Bekannter aus den Sümpfen dort hinüber kam und, als Merkwürdigkeit, erzählte, Martin sei dort bei ihnen gewesen und habe seine alten Schulden eingetrieben. Geld natürlich bekam er nicht, das hatte Niemand, und das brauchte er auch nicht, aber Kühe, Pferde, Schweine, etwas Bettzeug und Kochgeschirr, und dergleichen schleppte er aller Orten und Enden fort. Niemand wußte dabei zu sagen, wo er es hin schaffte, denn Allen, die ihn darnach frugen, nannte er einen anderen Platz — und sicher nicht den rechten. Uebrigens mußte er, den Aussagen des Mannes nach, eine Menge von Gegenständen bekommen haben, denn es gab fast keine Niederlassung, wo er nicht gearbeitet und sich etwas verdient hatte, und sein Davonlaufen stellte sich jetzt als eine eigenthümliche Art von Sparsystem heraus.
Willis hörte ebenfalls davon, und dies geheimnißvolle Wesen gefiel ihm nicht. Er sattelte eines Tages sein Pferd, schnallte sich eine wollene Decke hinten auf, nahm seine Büchse und Kugeltasche, und ritt in den Wald hinein, blieb auch volle vierzehn Tage aus, und kehrte dann auf vollständig müdem Klepper nach Haus zurück, sagte aber Niemandem, wo er gewesen, und mußte auch keinen rechten Erfolg gehabt haben, denn er war die nächsten Tage mürrisch und verdrießlich.
Er hatte in der That Martin gesucht, um zuerst einmal seinen jetzigen Aufenthaltsort herauszubekommen, und dann zu erfahren, was er dort treibe, — aber umsonst. Gesehen wollten ihn Einige haben, aber nur auf dem Durchzug; auch in ein Haus kam er, wo er übernachtet, dort aber erzählt habe, er wolle nach Texas auswandern und mit den dortigen Indianern Handel treiben, da er von ihnen Nichts zu fürchten brauchte. — Scalpiren konnten sie ihn nämlich nicht; an seiner Glatze bekamen sie keinen Halt, und da ließen sie ihn jedenfalls zufrieden.
War er wirklich nach Texas gegangen? Willis glaubte es nicht, denn er kannte Martins Anhänglichkeit an Arkansas, und sah denn auch nicht ein, wie er im Stande gewesen wäre, all die verschiedenen eingesammelten Gegenstände in ein so fern gelegenes Land zu schaffen. Nein, irgend wo ganz in der Nähe mußte er versteckt liegen, aber was er da trieb — was beabsichtigte, wer hätte es sagen können, und nur die Zeit mußte da Aufschluß bringen.
Und Woche nach Woche, Monat nach Monat verlief, ohne daß sich eine Spur von ihm gezeigt, ja in der Ansiedlung am Red-River, war er schon vollständig vergessen worden, als er eines schönen Morgens auf einem guten Pferd, wenn auch viel sorgfältiger als sonst gekleidet, aber ganz gemüthlich, als wäre er keinen Augenblick fort gewesen, anritt, und trotz aller Einladungen von verschiedenen kleinen Blockhütten, an denen er vorbeikam, sein Pferd nicht eher einzügelte, bis er Willis’ Hütte erreichte. Hier hielt er, stieg ohne Weiteres ab, schnallte seinen Sattelgurt auf, legte den Sattel über die Fenz und führte dann das Thier, da er vollkommen gut Bescheid wußte, ohne erst lange zu fragen, in die dafür bestimmte Umzäunung.
„Alle Teufel!“ schrie Willis, der gerade zufällig zu Hause war, und ihn hatte kommen hören, indem er von seinem Stuhl am Kamin empor sprang, und fast unwillkürlich einen Blick auf seine Schwägerin warf. Es konnte ihm auch kaum entgehen, daß sie der unwillkommene Besuch nicht ganz gleichgültig traf, denn im ersten Moment erbleichte sie augenscheinlich — aber es war auch wirklich nur ein Moment, denn noch lange ehe Martin das Haus betrat, hatte sie ihre volle Ruhe wieder erlangt, und nur ein leises, trotziges Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie unterbrach auch ihre Arbeit an dem Baumwollen-Spinnrad keinen Augenblick, ja als Martin gleich darauf in die offene Thür trat und sein gewöhnliches „Good day to you“ rief, war sie eigentlich die Einzige, die ihm laut und unbefangen antwortete und freundlich sagte:
„Ah Mr. Martin! Und wo haben Sie so lange gesteckt? Wir glaubten schon, Sie wären unter die Indianer gegangen.“
„Bitt’ um Verzeihung, Madame,“ sagte aber Martin, indem er dabei zugleich Willis derb die Hand schüttelte, und dann zu den beiden Frauen ging, um sie in ähnlicher Weise zu begrüßen, „habe bei dem braunen Gesindel gar Nichts zu suchen, sondern befinde mich hier viel besser und angenehmer. Wie geht’s Willis, alter Junge? Die Damen doch alle wohl?“
„Danke Martin, so ziemlich,“ erwiederte Willis, der sich nicht im Stande fühlte, in den alten spöttischen Ton zu fallen, in dem er sonst gewöhnlich mit Martin sprach, aber er sah auch, daß dieser noch mit etwas hinter dem Berge hielt, und das beunruhigte ihn. — Weßhalb kam er nicht gerade heraus? „Aber wo in aller Welt habt Ihr denn die ganze Zeit gesteckt? Ihr waret ja ordentlich spurlos in dem Wald verschwunden!“