Elisabeth amüsirte sich Über den kleinen komischen Mann, aber in diesem Augenblick ertönte vom Hinterdeck aus die Eßglocke, und der Justizrath, der indessen drei Plätze belegt hatte, kam nach vorn, um seine älteste Tochter zu suchen und zum Speisen abzurufen. Hatte er sich doch lange schon auf den Moment gefreut, wo er ein Glas guten, ächten Rheinwein auf dem Rhein selber trinken könne.

Armer Justizrath — die Flaschen waren von der Kompagnie selber versiegelt und auf der Etikette stand, daß sie nur in Gegenwart der Reisenden geöffnet werden dürfen — aber er bekam sie offen und statt des erhofften rothen Aßmannshäuser ein dunkelrothes, trübes Fabrikat, das weit eher nach Magdeburg als dem Rhein schmeckte. Er wollte dagegen protestiren, aber der Kellner hatte leider keine Zeit, sich mit ihm abzugeben, und der Niersteiner, den er hier noch versuchte, war so sauer, daß er nicht einmal die Lippen mehr zu einer Klage auseinander bringen konnte.

Nur die Preise entsprachen den Etiketten, und der Justizrath ärgerte sich über sich selber, daß er sich über den schlechten Wein an Bord der Dampfschiffe ärgern konnte.

Und das Diner dauerte ewig, so daß man dabei den schönsten Theil des Rheins versäumte, bis zuletzt noch kalter Kaffee und warmes Eis herumgereicht wurde —, aber die jungen Damen waren schon lange wieder aufgestanden und kamen gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie das Dampfboot bei Koblenz einen wahren Menschenschwarm an Bord nahm und dann wieder keuchend in den Strom hinaus hielt.

Die Neugekommenen hatten natürlich schon dinirt und zerstreuten sich aus dem Verdeck, und Elisabeth amüsirte sich damit, die verschiedenen Gruppen zu mustern, die jedes noch freie Plätzchen besetzten. Aber es waren doch nur lauter fremde Gesichter, denen sie hier begegnete: geputzte Leute, die entweder eine kurze Vergnügungsfahrt in der Nachbarschaft machten, oder auch nur den bequemeren Dampfer der Eisenbahn vorgezogen hatten, um eine Strecke den Rhein hinab zu gehen. Aber plötzlich sah sie überrascht auf, denn sie entdeckte eine Gestalt, die ihr bekannt vorkam, wenn sie sich auch um’s Leben nicht besinnen konnte, wo sie dieselbe je gesehen.

Es war ein junger sehr elegant gekleideter Mann, der jedenfalls den bevorzugten Ständen angehören mußte. Sein Gesicht war etwas bleich, aber edel und ausdrucksvoll, mit einem unverkennbaren Zug von Schwermuth um die feingeschnittenen Lippen, und sein dunkles Auge schweifte forschend an Deck umher, als ob er Jemanden suche. — Sie mußte dieß Gesicht schon gesehen haben. Der Fremde indessen, — mit den Blicken überall, nur nicht vor sich, kam gerade auf Elisabeth zu — so nah, daß er sie fast berührte — bestürzt wich er aber zurück, und höflich den Hut lüftend entschuldigte er sich, indem er vorüberging. — Keine Miene verrieth jedoch, daß er sie kenne oder nur etwas Bekanntes in ihren Zügen gefunden hätte. Vollkommen fremd wich er ihr aus — es mußte nur eine Aehnlichkeit mit irgend einem Anderen sein — und in dem Gewirr von Menschen verlor sie ihn auch bald wieder aus den Augen.

Die Fahrt auf dem Dampfer war durch die vielen hinzugekommenen Passagiere keine Vergnügungstour mehr. Wer einen Moment aufstand, fand seinen Sitz wohl wieder, aber einen langen Engländer oder kurzen Deutschen behaglich darauf eingerichtet, und Reisetaschen, Regenschirme und Plaids versperrten selbst jede Passage so vollkommen, daß man sich wohl oder übel nicht mehr von der Stelle bewegen konnte.

Sehr viele Passagiere gingen aber in Rolandseck von Bord, und es gab ein wenig mehr Luft. Das Gepäck für Bonn wurde jetzt an Deck geschafft, und Elisabeth, die dem Vater in der Besorgung desselben nicht recht vertraute, ging selber nach vorn, um danach zu sehen.

Dort stand auch der junge Fremde wieder und zwar im eifrigen Gespräch mit dem alten Mann, mit dem sie sich vorhin unterhalten. Der kannte ihn also — wenn sie ihn nur hätte fragen können — aber das ging nicht. Sie verhandelten angelegentlich über einen Gegenstand, den der alte Mann in der Hand hielt und aufmerksam betrachtete. — Was es war, konnte sie freilich nicht erkennen, aber er schüttelte langsam mit dem Kopfe, als ob er nicht recht einverstanden wäre.