In diesem Augenblick kam ihr Koffer nach oben, und den einen Reisesack, der darauf lag, wollte ein Fremder an sich nehmen. Der Bootsmann frug nach der Nummer, und Elisabeth trat hinzu, um den Irrthum zu vermeiden. Das Boot glitt indessen rasch am Ufer hin, und plötzlich läutete die Glocke schon wieder zur nächsten Landung in Bonn.
Jetzt hatte nun Jeder freilich für sich zu sorgen, und während Käthchen emsig bemüht war, den Regenschirm des Justizraths zu suchen, den dieser irgendwo — er konnte sich nicht mehr besinnen wo — hingestellt hatte, hörte die Maschine auf zu arbeiten und das schlanke Boot glitt an die Landung, wo die Brückenleute draußen die bonner Passagiere vor der Hand noch durch eine Barrière abgesperrt hielten, um vorher den Aussteigenden Gelegenheit zu geben fortzukommen und Platz zu machen.
Elisabeth durfte aber das Boot nicht verlassen; Käthchen hatte den Schirm noch nicht und der Justizrath suchte jetzt in allen Taschen seine Brille, um selber mit nachzusehen, denn er mochte doch den erst in Frankfurt wieder gekauften neuen Schirm nicht nochmals einbüßen.
Elisabeth erkannte indessen am Ufer schon das gutmüthig lächelnde Gesicht des Professors Perler und neben ihm ihre Freundin Rosa, die auch sie erkannt hatte und ihr fröhlich mit dem Tuche winkte.
Jetzt verließ der junge Fremde ebenfalls das Boot — auch er mußte den Professor kennen, denn er grüßte Vater und Tochter, als er vorüberging, und es schien fast, als ob er sie anreden wolle; aber die Menschenmenge von Bord drängte zu sehr durch die schmale, ihr verstattete Gasse des Ausgangs — er konnte nicht stehen bleiben und wurde vorbei geschoben. Am Land aber sah Elisabeth, wie er seine kleine Reisetasche einem der Packträger übergab und mit diesem in die Stadt hinein schritt.
Jetzt kamen auch Vater und Schwester heran. Der Regenschirm, auf dem indessen eine englische Familie in aller Ruhe Platz genommen, war glücklicherweise durch den noch verrätherisch vorschauenden Knopf entdeckt und gerettet worden, und schon mußten sie sich dem eindrängenden Strom der neuen Passagiere entgegenwerfen, die nach fortgeschobener Barrière das Boot im Sturm zu nehmen suchten. Aber auch das wurde überstanden, und jetzt am Ufer küßten sich die beiden alten Herren und herzten sich die jungen Mädchen in der Freude des Wiedersehens.
Eine Droschke stand bereit, aber Alle zogen es vor, lieber zu Fuß zu gehen, und des Professors Diener wurde nur mit dem indeß aufgeladenen Gepäck allein vorausgeschickt, während die fröhlichen und sich aneinander freuenden Menschen plaudernd und erzählend langsam nachfolgten.
„Sag’ einmal, Rosa,“ frug da Elisabeth, die sich noch immer nicht über den jungen Fremden beruhigen konnte, denn es giebt nichts Peinlicheres, als sich in Gedanken mit einem bekannten Bild abzuquälen, „wer war denn der junge Herr, der euch vorhin grüßte?“ —
„Uns? hier an Land?“ —
„Ja, er kam vom Boot.“