Gefährlich ist diese Jagd bei gefrorenem Boden, wenn das Treiben eng zusammen geht. Allerdings wird ein bestimmtes Zeichen gegeben, von dem ab die Hasen herausgelassen werden müssen und: „nicht mehr in’s Treiben schießen!“ schreit es von allen Seiten, wenn ein verspäteter und etwas leichtsinnig abgegebener Schuß fällt — aber du lieber Gott, was hilft das! Dort steht ein Schütze — er hat den ganzen Tag versucht, mit Löcher machen, Ducken, Hasen anlaufen und allen möglichen anderen Listen eines der unglücklichen Schlachtopfer zu überlisten, auch wohl geknallt genug, aber mit nicht dem geringsten Erfolg, denn mit Ausnahme eines „Kompagnie-Hasen“, den aber sein Nachbar auf das entschiedenste beansprucht, obgleich beide Schüsse unmittelbar hinter einander fielen, kann er sich noch keiner Beute rühmen. Jetzt hinkt ein schwer mitgenommener Hase direkt auf ihn zu, und dort drüben kommt schon ein losgelassener Hund an, um ihn zu apportiren — wenn er nicht rasch schießt, entgeht ihm diese letzte Gelegenheit und — krach! fällt der Schuß, der den armen Lampe allerdings von seinen letzten Leiden befreit, zugleich aber auch eine Fluth von Verwünschungen und Flüchen wachruft, denn die auf den gefrorenen Schollen abprallenden Gellschrote sind zwischen Treiber und Schützen hineingespritzt und haben — wenn auch gerade kein Unglück, doch Schrecken angerichtet.
Jetzt ist das Treiben beendet, der letzte Hase entweder erlegt oder verjagt; die erbeuteten Hasen werden flüchtig überzählt und in Körbe geworfen, und Jäger wie Treiber wandern zu dem nächsten Trieb hinüber.
Eine andere Art dieser Jagd ist das sogenannte „Anlegetreiben“, das aber schon einige Vorbereitungen erfordert, denn es werden für die aufzustellenden Schützen vorher Löcher gegraben, in denen sie geschützt sitzen oder stehen und die anlaufenden Hasen erwarten können. Diese sehen hinter den Erdhaufen, da sie überhaupt ziemlich schlecht äugen, keine Gefahr, und kommen unbeirrt heran; wer aber an ein solches Treiben nicht gewöhnt ist, unterschätzt sehr leicht die Entfernung des Wildes und schießt auf eine zu weite Distance und dann gewöhnlich zu kurz. Selbst gute Schützen fehlen in solchen Erdlöchern sehr häufig zu ihrem eigenen Erstaunen, bis sie die Entfernung abschreiten, auf welche sie geschossen haben. Das sicherste ist, sich vor Beginn eines solchen Treibens in einem Halbkreis um das Loch her sechzig bis siebzig Schritte abzumessen, und auf irgend eine Weise in gewissen Entfernungen zu bezeichnen. Man ist dann sicher, daß man keinen Hasen krank schießt und keine Patrone verschleudert.
Bei recht starkem Frost ist es übrigens kein besonderes Vergnügen, in einem solchen gegrabenen Loch regungslos zu sitzen, besonders wenn man keinen Anlauf hat; wozu noch kommt, daß die Hasen, an verschiedenen Tagen und bei verschiedenem Wind auch, wenn aufgejagt, ihren besonderen Weg nehmen. Wenn man die ersten kommen sieht, so kann man sich ziemlich fest darauf verlassen, daß auch die nachfolgenden die nämliche Richtung beibehalten, und wer da aus dem Weg sitzt, bekommt vielleicht ein oder den anderen versprengten zum Schuß, darf aber fest überzeugt sein, daß er nicht oft gestört wird.
Höchst interessant sind die sogenannten „Verlappungen“ der Hasen, die in der Nacht vorgenommen werden müssen. An irgend einem Holzrand, an welchem hin die Schützen angestellt werden sollen, müssen noch vor Tagesgrauen, wenn die Hasen draußen im Feld sind, die Federlappen aufgestellt werden, und verstehen die Leute ihre Sache, so bilden sie an den Plätzen, wohin ein Schütze kommen soll, einen sogenannten „Sack“ — eine Einbiegung nach dem Holz zu. Die Schützen treten dann mit der ersten Morgendämmerung — eher etwas zu früh, als zu spät — auf ihren Stand und erwarten nun geduldig den anbrechenden Tag, mit dem sich alle Holzhasen in ihre verschiedenen Lagerplätze zurückziehen.
Noch liegt die Nacht auf der Flur und läßt die nächste Umgebung nur in düsteren, undeutlichen Umrissen erkennen, aber das Auge gewöhnt sich bald daran, und jetzt erkennt man auch einen mattgrauen, lebendigen Gegenstand, der langsam angehumpelt kommt und seine Richtung gerade auf den ihm nächsten Holzrand zu nimmt. Es ist Lampe, der sich zu Ruh begeben will und jetzt lässig, wie in voller Sicherheit, seinen gewöhnlichen Wechsel verfolgt. Was kann ihm auch hier, bei stockfinsterer Nacht, noch passiren — er hat den Weg ja hundert- und hundertmal gemacht. — Da plötzlich rennt er gegen die Federlappen an und macht erschreckt einen Satz zurück, denn die ganze Reihe geräth dadurch in Bewegung. — Alle Wetter, was ist das? — Natürlich könnte er mit Bequemlichkeit darüber hinspringen, aber das wagt er nicht, denn er weiß nicht, ob am Ende nicht doch eine Gefahr dahinter laure. Er hoppt also vorsichtig daran hin — aber das Ding ist lang und nimmt gar kein Ende, und damit kommt er ganz aus seinem gewöhnlichen Cours. —
Nochmals hält er und macht jetzt ein Männchen, um sich besser zu orientiren, aber rechts wie links zieht sich der nämliche fremde und vom Wind leicht bewegte Streifen hin. Das geht nicht — er muß machen, daß er zu Holz kommt, und wieder auf die Vorderläufe fallend, fängt er an, sich etwas rascher fortzuwagen — immer aber an den Federlappen hin, bis er dem nächsten Schützen in’s Bereich kommt. Jetzt knallt’s, und der arme vertrauungsvolle Hase liegt — wenn der Schütze nicht etwa in dem Dämmerlicht zu volles Korn nimmt und zu hoch schießt — strampelnd und zuckend am Boden.
Jetzt knallt es auch da und dort, und so früh am Morgen ist es noch, daß man deutlich den Feuerschein aus den Gewehren erkennen kann. Das behindert aber die noch im Feld befindlichen Hasen keineswegs, die nämliche Richtung einzuschlagen, ja läßt sie ihren kurzen Weg nur noch mehr beeilen, um aus dem freien Felde fort und in’s schützende Holz zu kommen. Drei und vier hinter einander nehmen jetzt die Lappen an, scheuen aber, wie es heller wird, schon mehrere Schritte davor und springen ab — keiner aber von allen dreht um und nimmt seinen Weg zurück, sondern sie suchen das Ende dieser unheimlichen Einzäunung und laufen dadurch rettungslos einen oder den andern der Schützen an.
Alle diese Jagden sind aber nur darauf berechnet, die Hasen in größter Zahl zu erlegen, und es kommt dabei nicht darauf an, welcher Schütze den größten Anlauf hat, welchem sie hauptsächlich zugetrieben werden sollen. Das aber stellt sich anders auf größeren Revieren heraus, wo besonders ein regierender Herr eine Jagd hält, und die Jägerei deßhalb auch alles thut, um ihn selber am meisten zum Schuß zu bringen. Der Leser wird von einer solchen Jagd am besten einen anschaulichen Begriff bekommen, wenn ich ihm das erste Hasentreiben beschreibe, dem ich in der Gesellschaft Sr. Hoheit des Herzogs von Coburg-Gotha beiwohnen durfte.
Es war im Monat Dezember, ziemlich rauhes und besonders windiges Wetter, wie es in der Nähe des sehr hoch liegenden Gotha so häufig ist. Wir waren — nur zwei Schützen — mit dem Herzog am Abend vorher von Coburg herübergekommen, hatten in Gotha übernachtet und frühstückten am nächsten Morgen um zehn Uhr. Um halb elf waren die Wagen bestellt, und zwar drei Extraposten, da sich die herrschaftlichen Pferde, weil der Hof erst im Januar nach Gotha übersiedelt, noch in Coburg befanden.