Es giebt wohl kaum ein Wesen auf der Welt, dem unausgesetzter und unerbittlicher nachgestellt würde, als dem armen Lampe. — Lepus timidus — ja wohl, er hat auch alle Ursache timidus zu sein, denn einmal ist es ihm noch nie eingefallen, sich als Held zu geriren, und dann soll Einer auch nicht furchtsam werden, wenn sich die ganze Welt gegen ihn verschwört, und alle es nur darauf abgesehen zu haben scheinen, ihm nach dem Leben zu trachten.

Wen hat der Hase eigentlich nicht zum Feind? Draußen im Feld und Gehölz stellt ihm unausgesetzt der Fuchs, Marder, Iltis, wilde Katze, ja selbst das kleine Wiesel nach, das ihn anspringt, sich an ihm festsaugt und nicht eher von ihm läßt, bis er erschöpft und todt zu Boden stürzt. Ja das nicht allein; sogar der Habicht stößt auf ihn nieder, wenn er sich draußen im Sonnenschein die über Nacht naß gewordene Wolle trocknen will — und nun erst der Mensch: Vom richtigen Waidmann hinab, bis zum nichtsnutzigen Bauernjungen hinunter, der in der Setzzeit, mit einer Pelzmütze auf und bloßen Beinen, draußen mit Vaters alter Flinte im Feld herumläuft und nach allem knallt, was lebt, giebt es kaum ein männliches Individuum, das nicht wenigstens einmal den Versuch gemacht hat, eines dieser armen Geschöpfe umzubringen. Mit oder ohne Jagdkarte — es knallt jedenfalls, wo er sich blicken läßt, und selbst Leute, die ganz entschieden einem Verein gegen Thierquälerei angehören, sehen nicht das geringste Unrechte darin, schon fast außer Schußweite hinter einem davonspringenden Lampe herzuschießen und ihm nur wenigstens noch ein paar Schrote in den Leib zu jagen. Daß sich das arme Geschöpf nachher in einer Hecke verkriecht und an dem erhaltenen Blei elend verkümmert, macht ihnen nicht die geringsten Scrupel. „Getroffen hab’ ich ihn,“ sagt der Mann, rückt sich seine Brille zurecht, schaut ihm nach, so weit er ihm mit den Augen folgen kann, und stopft dann seine Flinte kaltblütig für ein neues Opfer.

Die eigentlichen Hasenjagden werden verschieden betrieben, und wenn der Hase auch schon vom 1. September jeden Jahres (in manchen Ländern vom 20. oder 24. August) für vogelfrei erklärt wird, so beginnen seine wirklichen Leiden und Drangsale doch erst Ende Oktober oder November und erreichen vor Weihnachten, bis in den Januar hinein, ihren Höhepunkt. Mit dem 2. Februar ist dann die Jagd wieder geschlossen, und alle des mißhandelten Geschlechts, die glücklich genug waren diesen Zeitpunkt zu erleben, haben wieder auf sieben Monat Frieden.

Schon im September, auf der Hühnersuche, erleiden sie aber manches Trübsal — sowohl von „hasenreinen“ Jägern als Hunden, und manches arme junge Häschen, das kaum laufen gelernt, und noch vertrauungsvoll, unter einem Kohlblatt vor, nach dem Himmel hinaufblickte, wird von schlecht dressirten oder zu jagdeifrigen Kötern aufgegriffen und in der Blüthe seines Lebens geknickt. Andere bekommen den Pelz voll feiner Hühnerschrote und schütteln die Löffel ganze Gemarkungen lang vor lauter Erstaunen über die ungewohnte und rauhe Behandlung. Es ist aber noch nicht systematisch auf ihre Vernichtung abgesehen, und sie werden nur nebenbei, unter der Rubrik „Küchenhasen“ gepfeffert, und einzeln, im Jagdranzen, nach Hause getragen.

Ende Oktober beginnen dagegen die Treibjagden — eigentlich erst im November, und am liebsten, wenn schon etwas Schnee liegt und der Boden hart gefroren ist, denn bei weichem Wetter „hält“ der Hase zu fest und läßt sich zu leicht von den Treibern übergehen, hinter denen er dann aufsteht und noch für ein anderes Mal zu brauchen ist.

Die Treibjagden werden auf verschiedene Weise gemacht. Die gewöhnlichsten sind die sogenannten „Kesseltreiben“, bei denen das Frühstück den Hauptmoment bildet. Schützen und Treiber werden dazu, von einem Punkt aus, nach zwei verschiedenen Richtungen abgeschickt, und zwar so, daß immer ein Schütze und dann ein oder zwei Treiber — je nach der Größe des Reviers, einander folgen und gleiche Entfernung von einander halten sollen, damit sie den zur Jagd bestimmten Raum — wenn sie endlich in einem Bogen wieder an ihren äußersten Spitzen zusammentreffen, gleichmäßig umstellen und einschließen. Ich sage, sie sollen gleiche Entfernung von einander halten, aber — sie thun es gewöhnlich nicht, denn es giebt immer eine Menge von alten Schlauköpfen dabei, die auch schon bei der Jagdgesellschaft als „Löchermacher“ berüchtigt sind. Diese zögern entweder, bei gleichmäßigem Abgehen, unter irgend einem Vorwand, oder laufen auch ihrem Vormann davon, nehmen dann den nächsten Treiber dicht an sich heran und bilden so in der Schützenkette ein „Loch“, was arglose und auf die Läufe gebrachte Hasen veranlassen soll, bei ihnen durchzubrennen.

Sind es recht gute Schützen und führen sie Zündnadel- oder Lefoucheur-Gewehre, so mag es gehen, wenn es auch die Nachbarn ingrimmig ärgert; hat aber ein Sonntagsjäger bei einem solchen „Loch“ seinen Stand — noch dazu mit einer Stopfflinte, zu deren Laden er eine Viertelstunde Zeit braucht, dann geht nicht selten Hase nach Hase ungeschädigt durch und die Entrüstung wird allgemein.

Beim Kesseltreiben, wo Schützen und Treiber allmälig nach Innen drängen, verringert sich natürlich rasch der eingeschlossene Raum und die Schützen und Treiber kommen dadurch auch dichter zusammen, bis sie zuletzt einen Kreis umschließen, aus dem kein Hase mehr ungeschädigt entkommen kann.

Hierbei zeichnen sich nun wieder die „Ducker“ aus — gewöhnlich dieselben, die beim Beginn des Treibens „Löcher machten“, indem sie sich, sowie nur ein Hase in Sicht kommt, zur Erde niederducken, bei trockenem Wetter auch wohl geradezu hinlegen, um Lampen dadurch glauben zu machen: dort wäre Niemand und er könne ungehindert durch. Kommt er dann wirklich — oder nur in Ausnahmsfällen — so sind sie nie fertig und der Hase schlenkert gewöhnlich, mit einem locker geschossenen Hinterlauf, und zum Vergnügen einiger dahinter her hetzenden Hunde, die nachher das ganze Treiben stören — davon.