Auch die Herren entgingen der scharfen Geißel ihres unerbittlichen Witzes nicht. Je freundlicher und ehrerbietiger sie grüßten, desto schärfer wurden sie durchgenommen und reichen Stoff boten sie ja. — Der trug die Haare in der Mitte gescheitelt, wie ein Oberkellner, Jener einen Zwicker im Auge, wie ein Lieutenant — dieser war geschnürt, der Andere hatte Sporen angeschnallt und wußte nicht einmal, von welcher Seite man „gewöhnlich“ auf ein Pferd hinaufsteigt; kurz, es kam Keiner ohne einen kleinen Seitenhieb vorbei, und je harmloser diese auch im Ganzen waren, desto besser amüsirten sich die jungen Damen dabei.
So waren sie schon fast um die ganze Promenade herumgeschritten und wieder in der Nähe ihrer eigenen Wohnung angelangt, als ihnen ein junger Mann begegnete, der durch seine äußere Erscheinung ihre Aufmerksamkeit plötzlich fesselte.
Er ging allerdings sehr anständig, ja, elegant gekleidet, aber in dem etwas steifen Hoßburg war das Auge in der Tracht an eine gewisse Adrettheit — ja, man hätte sagen können Pedanterie gewöhnt — wie das meist immer in Handelsstädten der Fall ist, und davon wich der ihnen Begegnende allerdings auffällig ab. Das konnte keinenfalls ein Kaufmann sein — darin waren die jungen Damen augenblicklich einig, denn schon die unverkennbare Nonchalance, mit der er sich bewegte, harmonirte nun und nimmer mit dem regelmäßigen Geschäftsgang der Stadt.
Er trug einen vollen, nur etwas kurz gehaltenen, doch sorgfältig gepflegten Bart — aber — an der Weste war nur der zweite und dritte Knopf zugehakt und das schwarzseidene Halstuch hielt locker den, allerdings schneeweißen Hemdkragen zusammen. Ebensowenig saß ihm der Hut vorschriftsmäßig und nach Geschäftsbegriffen steif auf dem Scheitel, sondern neigte, wenn auch nicht übermäßig viel — doch etwas nach der rechten Seite über. Außerdem trug er ein kleines, in Papier geschlagenes Paket unter dem Arm — lauter Dinge, die nicht recht nach Hoßburg paßten.
Elisabeth’s Blicke flogen aber unwillkürlich nach seinem Knie hinab, denn dort zog eine auffallende Unregelmäßigkeit ihr Auge auf sich. Das Beinkleid war nämlich an jener Stelle zerrissen und zwar nicht etwa wieder ausgebessert, sondern ein Stück des leichten, hellgestreiften Tuchs hing offen herab, als ob der Eigenthümer vielleicht eben erst an einem Nagel hängen geblieben wäre, und den Schaden nicht einmal bemerkt hätte — er würde sich doch sonst sicher nicht in dem Zustand auf offener Promenade gezeigt haben.
Jetzt passirte er sie, wie fragend hob sich ihr Auge zu ihm auf und ihre Blicke begegneten sich, ja, die junge Dame hatte ihn unwillkürlich so fest angeschaut, daß er, als er an ihr vorüberging, unwillkürlich den Hut zog, und ihr damit das Blut in Wangen und Schläfe jagte.
„Kanntest Du den Herrn mit den zerrissenen Unaussprechlichen, Lily?“ kicherte ihr die noch jugendliche Schwester in lachendem Uebermuth zu, als der Fremde kaum weit genug entfernt sein konnte, selbst die Worte zu verstehen, denn ihren Klang mußte er jedenfalls gehört haben.
„Aber Käthchen,“ rief Elisabeth erschreckt, „das schickt sich ja gar nicht.“
„So in der Stadt herumzulaufen, nicht wahr?“ lächelte das junge muthwillige Mädchen, indem sie den Kopf zur Seite wandte, aber jetzt selber bestürzt wieder herumfuhr, „wahrhaftig er sieht sich nach uns um.“