Ihre übrige Reise verlief, wie derartige Reisen bei günstiger Witterung immer verlaufen. Sie amüsirten sich vortrefflich, bewunderten den herrlichen Dom in Köln und die übrigen ehrwürdigen Bauten, ärgerten sich über den geraden Strich, den die kölner Brücke dort quer über den Rhein zieht, durchwanderten Amsterdam mit seinen stummen, langen, reinlichen, wassergefüllten Straßen und hatten nachher eine ungewöhnlich ruhige und schöne Seereise über die ausnahmsweise ganz spiegelglatte Nordsee bis Hamburg, wo sie sich auch noch etwa acht Tage aufhielten, und dann, da jetzt zuerst schlecht Wetter einsetzte, mit der Bahn nach ihrer Heimat zurückkehrten.
Elisabeth hatte indessen die Reise über recht viel an Bonn und ihre Freundin gedacht, — was sie treibe, — wie es ihr gehe, und ob sie jetzt wohl, nachdem ihr Bräutigam zurückgekehrt, die trüben Gedanken abgeschüttelt habe. — Wunderlich, daß ihr die Gestalt des jungen Mannes nicht aus dem Gedächtniß wollte, und daß sie sich für einen doch eigentlich fremden Menschen so interessiren konnte. — Interessiren? — ja; es war ihr in der That leid gewesen, daß ihn seine Geschäfte so rasch abgerufen und sie keine Gelegenheit bekommen hatte, ihn noch einmal zu sehen, — also mußte sie Theil an ihm nehmen, weßhalb sonst konnte sie ihn herbeigewünscht haben? — Ob sie wohl daheim Briefe von Klara fand? — Sie konnte wirklich kaum die Zeit erwarten, bis sie in ihrer eigenen Wohnung eintrafen.
Weit ruhiger nahm es der Justizrath.
„Na,“ sagte er seufzend, als er schon von Weitem die Thürme der Stadt vor sich liegen sah, „jetzt sind die schönen Tage auch wieder vorüber; und die Akten, die auf mich warten werden! — Lieber Gott, es ist wirklich ein Elend, daß man seines Lebens nie auf eine kurze Zeit froh werden kann, ohne nachher auch wieder mit sauerem Schweiß dafür büßen zu müssen — das wird eine schöne Nachkur werden!“
Der Justizrath hatte sich in der That darin nicht geirrt; die Wirklichkeit übertraf noch seine schlimmsten Befürchtungen, und er fand als „Nachkur“ einen solchen Wust von zu erledigenden Arbeiten, daß er davor im Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlug.
Siebentes Kapitel.
Jeanette.
Ebenso beschäftigt wie der Vater — wenn auch in angenehmerer Weise — waren die jungen Damen in den ersten Tagen, denn was für zahllose Besuche hatten sie zu machen, um nur den ersten Pflichten geselligen Anstandes zu genügen — und wie viel dabei zu erzählen! Den Vater bekamen sie aber nur während des Essens zu sehen, denn bis Nachts um zwölf, ja noch später, saß er in seiner Stube, in einem Tabaksrauch, der seine Gestalt nur in nebelhaften Umrissen erkennen ließ, und seufzte und stöhnte, wenn er an das weite herrliche Meer, an den schönen freien Rhein dachte, und hier in lauter blau gehefteten Aktenstößen fast zu ersticken drohte.
Es war der dritte Tag nach ihrer Rückkunft, daß Elisabeth Nachmittags um vier Uhr etwa allein wieder nach Hause kam, da Käthchen noch ein paar Schulfreundinnen besuchen wollte. Auf der Treppe traf sie die kleine Jeanette, das Töchterchen der Putzmacherin, die sie noch nicht einmal wieder gesehen.
„Aber Jeanette, wie geht es, mein Kind? kennst Du mich noch,“ rief sie und sprang auf die Kleine zu, die ihr die Aermchen entgegenstreckte, „was machst Du, Herz?“