Der zweite Fall betraf einen gemeinen Diebstahl, den sich ein Amerikaner hatte zu Schulden kommen lassen. Ein Italiener, den er bestohlen, klagte wider ihn, und der Missethäter, ein armer Teufel und erst seit kurzer Zeit in den Minen, gestand denn auch endlich nach kurzem Kreuzverhör seine Sünde ein, und producirte sogar das Gestohlene — eine goldene Taschenuhr, die er die ganze Zeit bei sich getragen. Richter Black war aber so entrüstet über diese Thatsache, daß er in vollem Zorn ausrief:

„Schämst Du Dich nicht, Du Lumpenkerl, der Du Dich einen Amerikaner nennst, hier in Californien, wo Jeder sein Brod verdienen kann, auf so gemeine Art zu stehlen? — Fort mit Dir, Du Canaille, Du bist ein so erbärmlicher Charakter, daß ich mich gar nicht weiter mit Dir einlassen mag. Schmeißt ihn hinaus, Sheriff.“

Dem Burschen geschah in der That, und wahrscheinlich zu seiner sehr freudigen Ueberraschung, gar Nichts weiter, als daß er die gestohlene Uhr abliefern mußte und hinausgeworfen wurde. Der Kläger aber, von dem man wußte, daß er Geld hatte, sah sich genöthigt, die Kosten zu bezahlen — zwei Unzen, wie gewöhnlich für derartige Bagatellsachen — erhielt dann seine, vielleicht anderthalb Unzen werthe Uhr, und durfte den Gerichtshof verlassen.

Hudson, um den sich Niemand kümmerte, hatte sich in der Zeit damit beschäftigt, das Wesen der beiden Amtspersonen, Richter und Sheriff, wie diese selber genauer zu beobachten, und wie es manchmal im Leben geschieht, daß uns durch irgend ein Wort, einen Ton, oder irgend einen anderen, noch so geringfügigen Umstand irgend ein Moment unseres Lebens in’s Gedächtniß gerufen wird, so starrte er plötzlich den Richter an — gerade als dieser einmal laut auflachte, und war von dem Augenblick an so zerstreut, daß er gar nicht mehr wußte, was um ihn her vorging und nur den Mann fortwährend im Auge behielt.

Wo um Gottes Willen hatte er denn diesen Mr. oder Dr. Black schon gesehen — das Gesicht kam ihm so bekannt vor und war ihm doch dabei wieder so fremd. Der Mann trug ächt amerikanische Züge — eine etwas lange gerade Nase, einen kleinen scharfgeschnittenen Mund. Auffällig an ihm war das dunkle, ganz kurz geschnittene Haar und ein entschieden und sogar außergewöhnlich zurückstehendes Kinn, das er sich nicht erinnerte je gesehen zu haben, und doch schienen ihm die Züge so bekannt, daß er hätte darauf schwören mögen, schon mit ihnen zusammengetroffen zu sein.

Jetzt kam die Reihe an ihn; der Sheriff mußte ihn zweimal rufen, ehe er nur die Aufforderung hörte, so vertieft war er in seinen Gedanken. Mr. Black brachte ihn aber bald wieder zu sich, indem er ihn einfach aufforderte, eine Unze (etwa 16 spanische Dollars) gewissermaßen als Entrée zu bezahlen, um seine Klage anhängig zu machen.

„Aber, Sir,“ sagte Hudson ganz verdutzt, „Sie wissen ja noch gar nicht einmal, ob die ganze Geschichte so viel werth ist.“

„Lieber Freund,“ erwiederte aber Mr. Black sehr ruhig, „unsere Zeit ist beschränkt, redet also keinen Unsinn. — Ob die Klage Euch eine Unze werth ist, weiß ich nicht, geht mich auch gar Nichts an — mir ist sie es aber, also zahlt oder geht Eurer Wege.“

Hudson lachte, denn das Verfahren war zu eigenthümlich; er zahlte aber die verlangten Sporteln und während er den Betrag auf den Tisch legte, sagte er kopfschüttelnd:

„Ihr müßt viel Geld verdienen, Richter, wenn Ihr Euch ein so hohes Eintrittsgeld bezahlen laßt.“