Hudson würde nun zu einer anderen Zeit wohl wenig genug Umstände mit dem wahrscheinlichen Hehler des Diebes gemacht und die Pferde ihm einfach weggenommen haben, aber er wollte nicht noch in den letzten Tagen Streit anfangen. Dort gerade anwesende Mexikaner standen auch ihrem Landsmann bei, und er eilte deshalb zurück nach Ludville, um den Burschen zu verklagen. Die Sache war so einfach, und der jetzige Besitzer der gestohlenen Sachen auch dort seßhaft, daß sie jedenfalls rasch entschieden werden konnte.
In jener Zeit aber lagen die Rechtsverhältnisse der jungen, noch fast nur aus Zelten bestehenden Stadt sehr im Argen, und besonders erzählte man sich von dem, seit drei Monaten dort eingesetzten Richter, einem Mr. Black, die wunderlichsten Dinge. Er war dabei erste und letzte Instanz in Ludville, und an eine Appellation bei Kleinigkeiten gar nicht zu denken. Wie er einmal entschied, so blieb die Sache, und man konnte allerdings größere Kosten, aber nie einen anderen Erfolg bei einem Weitertreiben derselben erwarten.
Uebrigens schien dieser Richter Black ein durchaus gescheuter Advokat, der sich nicht leicht in dem Recht oder Unrecht der vorgetragenen Fälle täuschen ließ, und wo sein eigenes Interesse nicht mit in’s Spiel kam, fielen seine Urtheile meistens richtig aus. Er machte auch nie lange Umstände; an einem einzigen Morgen wurden manchmal zwanzig verschiedene Prozesse oder Klagen vorgebracht, untersucht und erledigt, die Strafen aber, die er dictirte, fielen nur in „Unzen“ aus, und da das Meiste davon Sporteln für ihn und den Sheriff bildete, so wollte man ihm nachgerechnet haben, daß er sich schon in der kurzen Zeit ein bedeutendes Vermögen zusammengescharrt haben müsse.
Hudson erkundigte sich jetzt bei seinen Bekannten, in welcher Art eine Anklage gestellt werden müsse. Alle aber, die er sprach, riethen ihm ab, Richter Black, oder auch Dr. Black, wie er genannt wurde, zu belästigen, denn es sei allerdings kein Zweifel, daß der jetzige Besitzer der Pferde diese herausgeben und möglicher Weise auch noch Strafe dazu zahlen werde, er selber könne sich aber ebenfalls darauf verlassen, daß er nur Umstände und Lauferei davon habe, und seine Thiere, ehe er sie in die Hände bekomme, jedenfalls noch einmal vorher bezahlen müsse.
Hudson beschloß deshalb, da die Sache überhaupt nicht von einem Tag abhing, Carmans Rückkehr zu erwarten, der auch schon am nächsten Morgen eintraf. Dieser aber ärgerte sich so über den Diebstahl, daß er unbedingt für eine Klage stimmte. Mußten sie den Werth der Pferde denn auch selber noch einmal bezahlen, was schadete das, der Mexikaner sollte sich wenigstens nicht rühmen können, sie betrogen zu haben. Ueberdies hatten sie noch fast vierzehn Tage Zeit, bis der nächste Dampfer nach Panamá abging, also auch in dieser Hinsicht Nichts zu versäumen.
Hudson wurde also mit der Klage beauftragt und ging in das Zelt hinüber, das gegenwärtig zum Gerichtszimmer benutzt wurde. Dort traf er auch zeitig genug ein, um noch Zeuge von ein paar sehr drastischen Rechtssprüchen zu sein.
Der Doctor, ein sehr elegant gekleideter Herr in schwarzem Frack und weißer Halsbinde — Figuren, wie man sie sonst in den Minen eigentlich nie zu sehen bekommt, saß, mit dem Hut auf dem Kopf, hinter seinem etwas erhöhten Tisch; neben ihm räkelte sich der Sheriff auf einem anderen daneben stehenden Sessel, und zerschnitzte denselben aus Mangel an besserer Beschäftigung mit dem Federmesser.
Der erste Fall betraf einen Franzosen, gegen den ein Californier klagbar war, ihm bei einer Zahlung zwischen dem Waschgold etwa anderthalb Unzen Bronzestücken von einer alten zerdrehten und unächten Uhrkette mit hineingemischt zu haben. Der Franzose leugnete, der Californier aber brachte Zeugen und Doctor Black entschied ohne Weiteres, daß der Betrüger dem Betrogenen den doppelten Werth der eingeschwärzten Stücke und als Strafe für das Gericht zwei Unzen bezahlen müsse.
Der Franzose wußte, daß kein Sträuben half, und holte das Gold heraus, wie er aber zum Tisch trat und die bei Seite geschobenen Bronzestücke betrachtete, erklärte er: Die Stücke habe er gar nicht eingemischt. Er gab zu, einen Betrug versucht zu haben, weil er geglaubt hätte, daß hier in Californien doch Alles „für Gold ginge“ — da wäre aber auch ein Stück von einer alten Hutschnalle und ein Knopf dabei, die er in seinem ganzen Leben nicht gesehen hätte, und die müßte der Californier jedenfalls noch dazu gethan haben, um das Gewicht zu vergrößern.
„Er wäre ein Esel, wenn er’s nicht gethan hätte, Sir,“ entschied aber Richter Black ganz ruhig, — „hätte ich Euch verklagt, so könntet Ihr Euch darauf verlassen, daß Ihr ein Dutzend Knöpfe darunter finden solltet.“