„Das Thal heißt so,“ nickte der Alte, „wo die Forstei liegt, weil es von beiden Seiten eng eingeschlossen ist und das Haus selber, besonders wenn man in die Nähe kommt, so aussieht, als ob es in einem grünen Gewölbe stäke. Es ist wirklich ein reizender Platz und schon der Mühe werth, daß man ihn einmal besucht.“
„Im Bau!“ wiederholte Raischbach noch einmal, aber mehr zu sich selber als dem Alten redend: „das ist doch sonderbar — und seine Tochter heißt Marie und macht morgen Hochzeit?“
„Da steht ja die ganze Geschichte im Brief. Sie heirathet aber aus dem Wald hinaus, einen Doktor, und mir wär’ das nicht recht, wenn ich Töchter hätte. Mich wundert’s, daß es der alte Böckler gelitten hat.“
„Er wird’s nicht haben hindern können, Vater,“ nickte freundlich die alte Frau. „Wenn sich ein paar junge Leute erst einmal lieb und ihr Brod haben, wer kann sie da auseinander halten? — Aber nicht noch eine Tasse, Herr Förster? — Sie haben ja beinah gar nichts getrunken.“
„Ich danke wirklich, Frau Försterin!“
„Oder wenigstens noch ein Stückchen Kuchen.“
Der junge Mann hatte sein Aeußerstes an Essen und Trinken gethan — es war auch spät geworden, und nachdem er seine Pfeife ebenfalls in Brand gebracht, zog er sich bald darauf, unter dem Vorgeben, heute Abend besonders müde zu sein, auf sein Zimmer zurück. Die Frau Försterin rief ihm aber noch nach, sich morgen früh ja um zehn Uhr etwa bereit zu halten, daß sie dann zusammen nach Böckler’s hinübergingen, weil er allein gar nicht den Weg gefunden hätte. Länger durften sie auf keinen Fall warten, sonst kamen sie zu spät, denn um zwölf Uhr sollte die Trauung sein und anderthalb gute Stunden hatten sie zu gehen.
[D] Abwurf ist das Geweih, was Hirsch oder Rehbock im Winter verliert, um im Frühjahr wieder neue Stangen anzusetzen.
Achtes Kapitel.
Der Bock.
Raischbach konnte an dem Abend fast gar nicht einschlafen, so gingen ihm die heute gehörten Neuigkeiten im Kopf herum. Daß er selber Förster und dadurch selbstständig geworden, beschäftigte ihn aber wunderbarer Weise am Wenigsten; mehr als Alles dagegen, daß es ganz in der Nähe einen Ort gäbe, der „im Bau“ heiße. — Und hatte ihm jenes fremde, wunderliebe Mädchen, das er damals im Wald getroffen, nicht gesagt, daß sie „im Bau“ wohne, und er darunter thörichter Weise nur den einen derartigen Platz verstanden, den er kannte? Und sie hieß also wirklich Marie, wie er sie damals in seinem Traum oder Wachen — er wußte es selber nicht — genannt, und morgen um zwölf Uhr feierte sie ihre Hochzeit und hatte ihn selber dazu eingeladen, damit er Zeuge der Trauung sein solle.