Er fiel endlich in einen unruhigen Schlaf, aber der Traum spielte fort. Wieder traf er die Jungfrau, die jetzt mit dem Grafen von Hackelnberg Arm in Arm spazieren ging, und hinterher hinkte die alte Urschel und schüttelte immer mit dem Kopf, und die schöne Berchta sauste auf ihrem milchweißen Renner daher. Jetzt hatte sie ihn erblickt, und mit einem Hussah und Halloh hetzte sie ihre mageren Rüden auf ihn, die mit Gebell und Geheul heranstürmten. Jetzt waren sie dicht an ihn heran; da riß sich Marie von des wilden Jägers Arm los und wollte sich ihnen entgegenwerfen. Umsonst! was vermochte ihre schwache Kraft gegen die teuflischen Bestien; sie wurde zu Boden gerissen, und wie er selber in wilder Wuth nach seinem Hirschfänger griff, um sie zu retten, brachte er ihn nicht aus der Scheide. Wie festgeleimt stak er darin, und heran brachen die Hunde mit offenen, gifthauchenden Rachen — die Tut-Osel flog herbei mit ihren glühenden Augen und breiten Schwingen — schon fühlte er das scharfe Gebiß der Rüden an seiner Kehle, als er mit einem Schrei in seinem Bett emporfuhr und wild verstört umherblickte.
Das Fenster hatte er am Abend vorher und in der warmen Nacht offen gelassen und er hörte draußen im Busch den Ruf der Nachtschwalbe — das erste Zeichen des anbrechenden Tages. Es war noch sehr früh, aber er fühlte sich auch so aufgeregt, daß er doch nicht mehr schlafen konnte oder wollte. Er stand auf, wusch sich und zog sich an und schlich sich dann, um Niemanden im Haus zu stören, die Treppe hinunter, nahm seine Büchse vom Nagel und wanderte in den Wald hinaus.
Es war ein ganz wundervoller Morgen, und noch prangten die Sterne in voller Pracht am Himmel, aber schon zeigte sich im Osten der erste lichte Streif und hie und da begannen einzelne kleine Vögel ihr leises Zwitschern und Zirpen, fast wie selber noch im Traum und aufgeblustert auf ihren Zweigen.
Es mußte die Nacht ein wenig geregnet haben, denn der Boden war feucht — man hörte keinen Schritt, und still und sinnend wanderte der junge Forstmann durch den schweigenden, wundervollen Wald in die jetzt mehr und mehr erwachende Natur hinein.
Da sang ein Finke schon sein munteres Lied hell und klar der erwarteten Sonne entgegen — da drüben am Bergeshang schrie der Kukuk seinen monotonen Ruf. — Ueber den Pfad hinüber glitt ein Fuchs, der wohl nach seinem Bau zurückkehrte, aber so rasch und einer Erscheinung gleich, daß Raischbach nicht einmal die Büchse an den Backen heben, viel weniger zielen konnte. Es lag ihm auch nicht viel daran, die stille, fast heilige Ruhe des Waldes jetzt durch einen Schuß auf einen in dieser Jahreszeit doch werthlosen Fuchs zu stören, und langsam schritt er weiter. Aber das Begegnen des schlauen Hühnerdiebes hatte ihn doch ein wenig aus seiner Träumerei aufgerüttelt und aufmerksamer gemacht. Er behielt die Büchse, die er bis dahin auf der Schulter getragen, unter dem Arm und fing jetzt an, da es auch hell genug geworden war, zu pirschen.
Eine Weile ging das auch. Er paßte nach allen Seiten auf, und wenn er einen Bergkamm oder eine Erhöhung erreichte, blieb er eine Zeitlang ruhig halten, um erst zu beobachten, ob er nichts Lebendiges erkennen könne. Aber der Wald schien heute — die lustigen Sänger in den Zweigen abgerechnet — wie ausgestorben, und nach und nach gewannen die Gedanken in ihm wieder die Oberhand. Fast unwillkürlich, ohne sich dessen wenigstens klar bewußt zu sein, hatte er dabei die Richtung nach dem „Fuchsbau“ genommen und wie oft — wie unzählige Male war er schon den Weg gegangen, daß er fast jeden Baum und Strauch dahin kannte. Was er da immer und immer wieder wollte, mochte er sich freilich nicht einmal selber eingestehen — aber es war kein Feisthirsch und kein Rehbock, und dort angekommen suchte sein umherschweifender Blick — es ließ sich nicht gut ableugnen — immer nur ein buntes Tuch zwischen den grünen Büschen.
Und „im Bau“ hatte sie gesagt, daß sie wohne, und heute sollte ihre Hochzeit sein — war er da nicht thöricht, gerade an dem heutigen Tag den Fuchsbau abzusuchen? — an ihrem Ehrentag fand er sie dort doch sicher nicht.
Mißmuthig warf er sich am Fuß einer hochstämmigen Tanne nieder, legte die Büchse neben sich und stützte den vom Denken und Grübeln fast schmerzenden Kopf in die Hand.
Er mochte eine halbe Stunde so gelegen haben, und all’ die alten, oft mit Gewalt verdrängten Bilder jener Stunden, die er damals nach seinem Sturz im Fuchsbau zugebracht, zogen mit ihren gaukelnden Gestalten an seiner inneren Seele vorüber, als er plötzlich dicht hinter sich Schritte zu hören glaubte. Er fuhr allerdings nicht rasch empor, um zu sehen, was sich in seiner Nähe rege, denn das thut schon aus alter Gewohnheit kein Jäger, aber fast unwillkürlich glitt seine rechte Hand nach dem Schloß der Büchsflinte und suchte den Bügel, während er langsam und vorsichtig, ohne seine Stellung auch nur im Geringsten zu verändern, den Kopf der Richtung zudrehte, in der er das Geräusch vernommen. Aber einen ordentlichen Stich gab es ihm durch’s Herz, als er dort plötzlich auf kaum dreißig Schritt Entfernung den Bock — seinen Bock erkannte, der, mit dem riesigen Gehörn auf, ganz ruhig und vertraut aus einer Fichtendickung herausgetreten war und sich dort sorglos zu äsen anfing.