Allerdings lag er selber durch den Stamm und die Wurzel der Weißtanne großentheils verdeckt, aber die geringste Bewegung mußte auch den Blick des scheuen Wildes dahin lenken, und gut genug wußte er, daß der Bock dann auch wieder — lange vorher, ehe er schußfertig werden konnte, mit zwei Sprüngen im Dickicht und vollständig in Sicherheit war. Langsam ließ er sich deßhalb zurückgleiten, bis er lang ausgestreckt am Boden lag; dann erst versuchte er sich umzudrehen und auf das Gesicht zu kommen — auf dem noch feuchten Moos und den dürren Nadeln konnte er das auch ohne Geräusch bewerkstelligen, und jetzt erst zeigte sich eine andere Schwierigkeit, daß er die Büchse nämlich an der linken Seite liegen hatte.

Vorsichtig hob er wieder den Kopf — der Bock hatte sich von ihm abgedreht; er konnte keine Ahnung von seiner Nähe haben, und nun erst wagte er es, seine Waffe herumzubringen. Wie ihm aber das Herz dabei pochte — er konnte es ordentlich hören, und wenn er jetzt schoß, fehlte er ihn heilig — erst mußte er ruhig werden, und mit geöffnetem Mund, dicht hinter den Stamm gepreßt, die Büchse aber schußfertig in der Hand, kniete er auf seinem Stand und athmete ein paar Mal hoch auf.

Und der Bock äste sich weiter; er konnte ihn in dieser Stellung nicht sehen, aber hörte deutlich, wie er das dort in der Dickung üppig wachsende Gras abriß — jetzt durfte er nicht länger säumen. Er hob sich leise empor, bis er aufrecht stand, trat einen Schritt zurück, hob die Büchse an den Backen und bog sich nach rechts über. Die Bewegung war ohne Geräusch geschehen, aber das Auge des Bocks mußte gerade die Tanne gestreift haben, an der es rasch die fremdartigen Umrisse erkannte. Dort stand er, breit, den schönen Kopf mit dem kräftigen Gehörn erhoben, aber schon mißtrauisch und zur Flucht bereit, herübersichernd — noch ein Moment — aber der Lauf der Büchse hatte sein Ziel gesucht und gefunden, der Finger des Jägers berührte den Stecher, und mit dem Knall des Rohres zugleich sprang das zum Tod getroffene Thier mit allen vier Läufen zumal vom Boden empor, fuhr herum und war im nächsten Augenblick in der Dickung verschwunden.

Raischbach aber, während ein triumphirendes Lächeln über seine Züge flog, rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte den Sprung des Bocks gesehen und wußte, daß er ihn nicht gefehlt haben konnte — alles Uebrige durfte jetzt ruhig abgemacht werden. Vor allen Dingen lud er auch deßhalb den abgeschossenen Kugellauf frisch auf den Brand, setzte ein Zündhütchen auf und den Hahn in Ruh, und schritt dann langsam auf den Anschuß.

Er brauchte nicht weit zu gehen, schon von weitem erkannte er an den reichlich mit rothem Schweiß bespritzten Büschen die Stelle, wo der Bock in das Dickicht gebrochen — er lag auch schon, kaum zwanzig Schritt von da entfernt, verendet, und Raischbach hätte laut aufjubeln mögen, als er das prachtvolle Gehörn, dem er so lange schon vergebens nachgestrebt, als sein Eigenthum in Händen hielt. Aber viel Zeit durfte er auch nicht versäumen; es war schon spät geworden, und wenn er noch zur rechten Stunde in der Forstei sein wollte, um sich umzukleiden, mußte er rasch an’s Werk gehen. Und wie gern that er das — in wenigen Minuten war der stattliche Bock aufgebrochen und allerdings eine Last, um ihn auf den Schultern nach Haus zu tragen, denn er wog sicher seine fünfundvierzig Pfund; aber mit dem Gefühl seines Triumphes spürte er ihn kaum und schritt rüstig vorwärts.

„Alle Wetter!“ rief aber der alte Förster aus, als er den jungen Mann mit dem Staatsbock ankommen sah; „heute sollten Sie in die Lotterie setzen, Raischbach, denn daß Sie dem Bock begegnet sind, zeigt, daß Ihr Glückstag ist. Das Gehörn wäre unter Brüdern seine sechs Louisd’or werth.“

Aber es blieb keine Zeit zu weiteren Betrachtungen, es war in der That spät geworden, und da sich Raischbach auch noch vollständig umkleiden mußte, durfte er keinen Augenblick mehr verlieren. Er brauchte indes nicht lange zu seiner Toilette, und kaum eine halbe Stunde später schritten die beiden Forstleute mit der Frau Försterin, den Nachtrab bildend, die Büchsen heute zu Hause gelassen und nur den Stock in der Hand, den moosigen Waldpfad entlang, der, nördlich auslaufend, hinüber in das hessische Revier führte.

Raischbach war es dabei ganz wunderlich zu Muthe — einmal mußte er an den Prachtbock denken, den er heute Morgen erlegt hatte — und ihr Pfad führte sie ziemlich dicht an der nämlichen Stelle vorbei — dann aber wieder fiel ihm auch jenes wunderliebliche Mädchen ein, die ihm gesagt, daß sie „im Bau“ wohne und zu deren Hochzeit er heute eingeladen worden. Eigentlich wäre er am Liebsten gar nicht hingegangen, denn was Anderes sollte er dort thun, als sie noch einmal sehen, um sie auf immer zu verlieren. — Aber war sie’s denn auch wirklich? — Blieb er zurück, so würde er die quälenden Zweifel sein ganzes Leben lang nicht los geworden sein, und schon um sich Gewißheit zu verschaffen, mußte er der fatalen Wirklichkeit die Stirn bieten.