Neuntes Kapitel.
Schluß.
Der alte Förster plauderte dabei den ganzen Weg, aber Raischbach hörte kaum, was er sagte, denn immer und immer wieder flogen seine Gedanken hinüber zu der Maid. — — Daß er auch nie früher von dem Ort gehört hatte — wie bald wäre er einmal hinübergegangen, um sich dort umzusehen und die Nachbarschaft zu begrüßen — und wenn sie es wirklich war, wie gut hatte sie seinen Namen behalten — und wie hübsch sie ihn geschrieben. Wenn sie ihn aber nicht vergessen hätte, weßhalb hielt sie sich da so lange verborgen, bis sie des Priesters Wort auf ewig von ihm trennte? War sie mit ihrem jetzigen Bräutigam vielleicht schon damals verlobt gewesen? — oder sollte es gar eine Strafe für ihn sein, daß er selber sie nicht früher aufgesucht? Welch’ ein Thor er auch gewesen, das blühende Geschöpf nur eine Sekunde lang für ein gespenstiges Wesen zu halten und der Stelle, die sie ihm genannt, nicht anders nachzuforschen, als in dem wilden und wüsten Grund!
Der alte Förster hatte ihn um etwas gefragt, mußte es aber dreimal wiederholen, ehe Raischbach nur hörte, daß er mit ihm sprach, und Buschmann schüttelte erstaunt mit dem Kopf; denn so zerstreut war der junge Mann noch nie gewesen — aber gewiß dachte er nur an den glücklichen Schuß von heute Morgen; ja, ja, der alte Bock ging ihm durch den Sinn, und verdenken konnt’ er’s ihm gerade nicht, denn solch’ ein Gehörn gab es nicht wieder, weit und breit.
So stiegen sie zuletzt, Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, den Hang hinab und zu dem Grenzbach nieder, der die beiden Reviere und Staaten von einander trennte, und von da ab mußte Förster Buschmann die Leitung übernehmen, denn Raischbach hatte diese Gegend ja noch nie betreten.
„Eigentlich,“ meinte er, als sie die Grenze überschritten, „wären wir hier schon ziemlich nahe bei dem Forsthaus, denn der Fußsteig da führt gerad’ drauf zu, und es kann über den Berg von hier ab kaum eine Viertelstunde sein. Dort oben hat’s aber einen häßlichen Platz über Geröll und Klippgestein und meine Alte möchte da nicht so gut fortkommen — der Weg hier dagegen ist breit und bequem und nur vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten weiter, wozu wir noch übrig Zeit haben — es ist gerade ein Viertel nach Elf, und in einem halben Stündchen sind wir in aller Bequemlichkeit drüben.“
Raischbach hatte den Blick zu dem bezeichneten, ziemlich steil auflaufenden Fußsteig hinaufgeworfen, als er plötzlich Buschmann’s Arm ergriff und dort hinandeutend rief: „Förster, sehen Sie dort oben nicht ein buntes Tuch schimmern?“
Der alte Mann sah hinauf und sagte dann lachend: „Ja, warum soll denn da kein buntes Tuch zu sehen sein — gleich rechts von der Höhe liegt ein Dorf, und Mädels mit bunten Tüchern wird’s wohl genug da drinnen geben.“
„Aber dort steht Jemand — Wollen wir denn nicht lieber den Fußsteig gehen — vielleicht ist er bequemer gemacht, denn Frauen begehen ihn doch jedenfalls.“
„Ja,“ nickte Buschmann, „solches junges Wetterzeug, aber meine Alte brächten wir da nicht fort und hielten uns jedenfalls länger dabei auf, als wir hier herum brauchen. — Kommen Sie nur den geraden Weg mit, mein junger Herr Förster, und brechen Sie mir nicht gleich seitwärts in die Büsche, wenn Sie dort irgendwo ein buntes Tuch schimmern und leuchten sehen!“ und damit schritt er rüstig und lachend den Weg voran.