Raischbach warf noch einen sehnsüchtigen Blick nach rechts hinauf, aber es ließ sich jetzt nichts mehr erkennen, und bald tauchten sie auch wieder so vollständig in den Wald ein, daß sie von Büschen und hochstämmigen Eichen rings umgeben waren. Da öffnete sich plötzlich, gerade nach einer scharfen Biegung des Weges, der sich nach rechts ab um den Fuß des Hügels schlängelte, das Thal, und Raischbach blieb erstaunt stehen, als er die freundliche Scenerie gewahrte, die sich ihnen bot.

Sie standen am Rand des Waldes, der sich vor ihnen zu einem nicht gerade breiten, aber mit freundlichen Wiesen und Feldern bedeckten Thal öffnete, während rechts hinein eine nicht sehr hohe, aber dicht und vollbelaubte Doppelreihe von Linden in eine ziemlich enge Schlucht einführte. Raum zu einem breiten Weg war auch hier nicht gewesen, und nur mit Vorsicht hätten sich zwei Wagen darin ausweichen können. Dadurch waren aber die sich begegnenden Wipfel der Bäume so ineinander gewachsen, daß sie ein festes Gewölbe bildeten, unter dem man nur, so hoch die kurzen kräftigen Stämme reichten, durchsehen konnte. In der Allee selber war es auch dadurch fast vollkommen dunkel, aber hinten, wo sie auslief, stand, vom hellen Sonnenlicht übergossen, ein freundliches Schweizerhaus: „die Forstei im Bau“, und bot, von hier aus gesehen, einen ganz reizenden, überraschenden Anblick.

Dieser röhrenartigen Allee verdankte die Forstei ihren Namen „im Bau“, und Raischbach besonders erfaßte ein ganz wunderbares eigenthümliches Gefühl, als er jetzt darin hinschritt und sich fast wieder dabei in seinen Traum zurückversetzt fühlte. War er nicht auch damals mit seiner holden Führerin durch jenen langen, von flimmernden Lichtern erhellten Gang geschritten und hatte in der Ferne die geheimnißvolle Stadt herausleuchten gesehen, gerade so fast, wie jetzt da die Forstei vor ihnen lag? — aber die Führerin eben fehlte heute, die ihn sonst geleitet, und die alte Frau Försterin konnte sie ihm, trotz ihres gutmüthigen Gesichts, doch nicht ersetzen.

Und sollte er sie dort in dem kleinen Forsthaus finden? — finden als Braut? — als das Weib eines andern Mannes? Es wurde ihm recht weh, recht bitter weh zu Sinn, als er vorwärts schritt, und er hatte schon lange die freundliche Gegenwart um sich her im Brüten über das Vergangene, Erlebte — Erträumte nur vielleicht — vergessen, als er sich plötzlich den Laubgang öffnen sah und den eigentlichen Forsthof mit seinem reizenden rosengefüllten Garten und dem im tyroler Styl erbauten Jägerhaus betrat, und nun allerdings keine Zeit zu weiterem Grübeln und Denken behielt.

„Halloh! die Spessartleute!“ schrie ihnen eine tiefe Baßstimme jubelnd entgegen — „das ist gescheidt und gerade noch zur rechten Zeit. Hurrah! wie geht’s, alter Buschläufer — was treibt Ihr da drüben in Eurem Waldwinkel?“ — Und ein großer stattlicher Mann mit einem sonngebräunten Gesicht, aber dem freundlichsten Lächeln in den guten Zügen, kam ihnen entgegen und streckte beide Hände nach den alten Leuten aus.

Es war der Oberförster Böckler selber, der seine nur etwas entfernten Nachbarn auf das Herzlichste begrüßte und mit Handschütteln fast gar nicht wieder aufhören wollte, bis sein Blick auf den etwas hinter ihnen stehenden Raischbach fiel und er sich rasch an diesen wandte.

„Alle Wetter!“ rief er, „da ist ja auch unser Wilddiebsschütze, unser Forstgehülfe von drüben — Herr Raischbach oder wie er heißt. Herzlich willkommen, junger Freund, freut mich aufrichtig, Ihnen einmal die Hand zu schütteln, denn Sie haben sich nicht allein das Diebsgesindel selber vom Leib gehalten, sondern uns auch hier unten Luft damit gemacht.“

„Bitte um Verzeihung, Herr Oberförster!“ fiel aber hier die alte Dame ein. „Nichts mehr mit Forstgehülfe, wenn’s gefällig ist. Habe die Ehre, Ihnen den seit gestern wohlehrbaren Herrn Förster Raischbach vorzustellen!“