Traurig schlich sich Valerie nach der Kammer des alten Bänkelsängers; sie fürchtete fast, daß er sie ebenfalls ohne ein freundliches Wort entlassen würde. Darin hatte sie sich aber gewaltig geirrt. Der alte Bursche war roh und wüst genug, aber doch nicht ohne Gemüth, und sonderbarer Weise hatte er einmal zu dem Kind eine besondere Vorliebe gefaßt, die vielleicht auch nur darin wurzelte, daß sie das einzige lebende Wesen war, das er protegiren konnte.
Der Alte war mit einer wunderlichen Arbeit beschäftigt. Er hatte sich ein Stück weißes Wachstuch mit aus der Stadt gebracht sowie ein paar Pinsel und ordinäre Farben, und saß jetzt vor dem aufgehangenen und in Felder abgetheilten Tuch und malte eine seiner alten Mordgeschichten aus. Die rothe Farbe spielte dabei auch eine große Rolle — die Männer trugen sämmtlich rothe Hosen und die Frauen rothe Tücher und blaue Kleider, und Blut floß schon auf der dritten Abtheilung, auf der eine ganze Familie abgeschlachtet wurde, in Strömen.
Valerie öffnete schüchtern die Thür, der alte Bänkelsänger sah sie aber kaum, als er auf die Füße sprang und, seinen Pinsel fortwerfend, ihr die Hand entgegenstreckte.
„Hallo, Falleri“, rief er dabei, „schon reisefertig! Na, Abschied brauchen wir nicht von einander zu nehmen, und Du gehst nicht aus der Welt — wir werden uns auch oft genug zu sehen kriegen — vielleicht öfter als Dir lieb ist.“
„Nein, Herr Brenner“, sagte das junge Mädchen leise; „Sie sind immer gut gegen mich gewesen, und ich bin gewiß nicht undankbar, wie die alte Frau Kunzen meint.“
„Der alte Drachen soll zum Teufel gehen!“ brummte Brenner. „Die hat von Undankbarkeit zu reden — daß Du ersticktest — wenn ich nur so was nicht hören müßte. Aber laß sie schwatzen — Du ziehst jetzt zu Baumstetter’s hinüber?“
„Ja, Herr Brenner.“
„Na, da brauchst Du auch nicht zu sagen: Gott straf’ mich, denn da bist Du gestraft genug.“
„Sind die Leute so bös?“
„Nein, bös nicht, Kind“, sagte der Alte, „sie könnten schlimmer sein und sollen ihre Leute nicht schlecht behandeln, aber die Alte ist so krank, daß es niemand lange bei ihr aushält. In den letzten sechs Monaten haben sie sieben verschiedene Wärterinnen gehabt — sie mochten Lohn über Lohn bieten, es half nichts. Apropos, wie viel kriegst Du denn?“