Die Salbe mußte aber doch nicht recht gewirkt haben, oder er war auch vielleicht in der Nacht ruhiger geworden, denn er verließ am nächsten Morgen sein Bett noch nicht, sondern erklärte nur, daß er sich bedeutend besser fühle und in den nächsten Tagen hoffe, aufstehen zu können.

Sechstes Kapitel.
Die Brandstifterin.

Am nächsten Morgen sollte das erste Verhör stattfinden, und der alte Untersuchungsrichter hatte, in der Ueberzeugung, daß die Verbrecherin auch heute leugnen würde, schon einen Wagen bestellt, auf dem sie — unter starker Bedeckung natürlich — an Ort und Stelle geführt werden konnte. Dort lagen auch die Leichen der bei dem Brand verunglückten Menschen, und wenn man ihr so die Folgen ihrer That vor Augen führte, hätte ein verstockteres Herz dazu gehört, als es das Kind besaß, das Vollbrachte selbst in deren Gegenwart noch abzuschwören.

Außerdem waren auf elf Uhr die Zeugen aus Osterhagen bestellt und warteten schon im Vorzimmer — der Knecht in seiner besten Jacke, des Schulzen Frau in riesiger, mit Bändern behangener und reich gestickter Mütze, den vollen Busen mit einer Unzahl silberner Ketten und andern Schmucksachen behangen, denn das Alles hatte sie aus dem Brande gerettet; war das doch ihre erste Sorge gewesen.

Der Untersuchungsrichter saß schon in seinem Bureau, der Protocollant mit einer Anzahl geschnittener Federn am Tisch vor einer ganzen Schicht neuer Papierbogen, unbeschriebener „Acten in Sachen der Valerie Edmund wegen Brandstiftung“. Einer der Polizeibeamten wurde jetzt beordert, die Gefangene herunter zu holen.

Der Gefängnißwärter hatte sie gestern Abend, als er ihr einen Krug mit Wasser und ein Stück Brot brachte, verlassen, wie sie mit gefalteten Händen auf ihrer Pritsche saß und still und regungslos vor sich nieder starrte — so saß sie noch, als er die Thür um elf Uhr Morgens wieder öffnete; so mußte sie die ganze Nacht gesessen haben, denn die wollene Decke, die er ihr, zusammengefaltet, auf die Matratze gelegt, war nicht von ihrer Stelle genommen und das Lager jedenfalls unberührt.

„Hallo, Mädel!“ rief der Mann erstaunt, „bist Du die ganze Nacht da so sitzen geblieben? Was? und keinen Bissen gegessen, keinen Schluck getrunken? Das thut’s nicht, Kind“, setzte er kopfschüttelnd hinzu, „dabei kommst Du von Kräften und gehst zu Grunde. Wenn das Verhör nun jetzt ein paar Stunden dauert, wie willst Du’s aushalten?“

„Es wird nicht so lange dauern“, sagte das junge Mädchen leise.

„Ja, wer kann’s wissen“, brummte der Alte; „aber Du sollst hinunter kommen. Die Herren sind Alle schon da — willst Du Dich nicht ein bischen zurecht machen? Du siehst ja ganz blutig im Gesicht aus.“

„Zum Verhör soll ich kommen?“ sagte Valerie und stand von ihrer Bank auf.