„Ja wohl, Kind — wasch Dir nur erst einmal das Blut von der Stirne.“
Valerie erwiderte kein Wort weiter; sie ging zu dem in der Ecke stehenden blechernen Waschkumpen und badete sich Gesicht und Hände in dem frischen Wasser, strich sich dann die Haare glatt und sagte leise:
„Lassen Sie uns gehen; je eher desto besser.“
Der Gefängnißwärter schüttelte mit dem Kopf. Er hatte in seinem langen Leben manche Erfahrung gesammelt und die Charaktere seiner zahllosen Gefangenen nicht ohne Erfolg studirt. Diese hier kam ihm aber nicht wie eine bösartige Verbrecherin vor, und trotzdem schien sie ganz in einander gebrochen und sah auch so merkwürdig bleich und elend aus. Aber was ging’s ihn an; er that nur seine Pflicht, und sein Schlüsselbund aufgreifend, öffnete er der Gefangenen die schmale Thür und führte sie die Treppe hinab durch den Corridor zu dem Zimmer des schon seiner harrenden Assessors.
In dem Corridor saß des Schulzen Frau in all ihrem Staat, und neben ihr stand der Knecht vom Hof, der ebenfalls mit als Zeuge einberufen war, und als Valerie an ihr vorüber ging, rief sie aus:
„Oh, das schlechte, miserabliche Ding! — sollte man es denn für möglich halten!“
„Wenn Sie das Maul nicht halten“, sagte aber der alte Gefängnißwärter, der sich nach ihr umdrehte, „so werden Sie ebenfalls eingesteckt und kommen auf Numero Sicher. Hier hat Niemand zu reden, der nicht gefragt wird“.
Die Frau schwieg verdutzt still, denn so hatte noch Niemand mit ihr, der Schulzin aus Osterhagen, gesprochen. Valerie aber hörte entweder die Worte gar nicht, oder achtete wenigstens nicht darauf. Sie schritt still an ihrer früheren Herrin, ohne auch nur den Blick vom Boden zu nehmen, vorüber und verschwand gleich darauf in der nächsten breiten Thür, die sich gleich darauf wieder hinter ihr schloß. Der Gefangenenwärter hatte nur hinein gerufen: „Die Edmund, Herr Assessor.“
Das regelrechte Verhör begann jetzt mit all seinen gewöhnlichen Formeln, und die erste Frage des Untersuchungsrichters lautete:
„Wie heißt Du?“